29. Oktober 2009
Schuhwürfe, Ellenbogenchecks und abenteuerliche Ausflüge: Jens Lehmann pflegt sein Image als eigensinniger Torhüter. Doch die Extratouren kann sich der VfB Stuttgart nicht erlauben. Der Club schlittert in die Krise – und der Routinier legt sich mit Balljungen an, statt für Stabilität zu sorgen.
Jens Lehmann hatte es sehr eilig. Sein VfB Stuttgart lag beim Pokalspiel gegen den Zweitligisten Greuther Fürth am Dienstagabend hinten. Da stürmte der Keeper auf den Balljungen hinter seinem Kasten zu, der eine Ersatzkugel unter dem Arm eingeklemmt hatte. Für einen Moment machte man sich Sorgen um den Jungen. Mit einem ruckartigen Griff eroberte Lehmann das Spielgerät und bunkerte es neben seinem Pfosten.
Doch der harte Einsatz brachte nichts. Der VfB verlor 0:1 und schied aus dem Wettbewerb aus. Markige Sprüche über unartige Junghelfer an der Linie verkniff sich Lehmann nach der Schlappe – anders als am vergangenen Samstag. “Ich muss jetzt schnell nach Hause und meine Kinder erziehen, damit sie korrekte Menschen werden”, hatte Lehmann da verkündet. Anlass für das pädagogische Vorhaben war ein 14-jähriger Balljunge, der sich beim Spiel zwischen Hannover 96 und dem VfB Stuttgart einen Scherz erlaubt hatte. Es geschah in der 81. Minute, Stuttgart lag hinten und das Leder im Toraus. Lehmann ging auf Ballholer Aaron Schulz zu und forderte das Spielgerät, doch der Lausbub täuschte kurz an und lupfte dem Torhüter die Kugel über den Kopf. Zuviel für Lehmann.
“Selbst die Balljungen sind Betrüger”, wetterte der 39-Jährige nach dem Spiel, das sein Team 0:1 verloren hatte. Um dann zu betonen, dass er es bei seinen Kindern besser machen will. Dabei ist Lehmann selbst kein Kind von Traurigkeit. “Jens muss wissen, dass er ganz speziell im Fokus steht, da er einen großen Namen hat. Er muss sich hitzige und unüberlegte Aktionen verkneifen, langsam mal entspannter werden und sich auf das Wesentliche konzentrieren.” Diese Aussage stammt nicht etwa von Lehmanns früheren Dauerrivalen Oliver Kahn, sondern von seinem aktuellen Vereinstrainer Markus Babbel.
Der Ärger des Coaches ist verständlich. Der VfB steckt in der Krise, doch statt Souveränität bringt Routinier Lehmann durch unüberlegte Aktionen noch mehr Unruhe ins Team.
“Ich bin meiner Vorbildfunktion nicht nachgekommen”
So wie am dritten Spieltag. Da rammte Lehmann in Dortmund Gegenspieler Neven Subotic vor einem Eckball im Strafraum den Ellenbogen an den Kopf. Der Verteidiger revanchierte sich mit einem Schlag in Lehmanns Gesicht. Beide Vorfälle hatten die TV-Kameras dokumentiert, Schiedsrichter Helmut Fleischer sagte nach dem Spiel: “Hätte ich die Szene sofort so gesehen, wären beide von mir mit Rot bestraft worden.” Während Subotic sich im Nachhinein einsichtig zeigte (“Ja, ich habe ihn auch getroffen”) spielte Lehmann den Unschuldigen. Der DFB sah zwar in beiden Fällen ein “krass sportwidriges Verhalten”, stellte die Ermittlungen allerdings ein.
Dabei hatte Lehmann seine Gegner schon in der Vergangenheit selten geschont. Ein interessanter Eintrag findet sich im Dezember 2003. Im Match gegen Southampton warf der damalige Arsenal-Torhüter seinem Gegenspieler Kevin Phillips den Ball an den Kopf. Der englische Fußballverband FA verdonnerte Lehmann daraufhin zu umgerechnet 14.000 Euro Geldstrafe.
Doch derzeit häufen sich die Negativschlagzeilen um den Elfmeterhelden des WM-Turniers von 2006. Den nächsten Ärger nach dem Subotic-Zank hatte der Schlussmann, dessen Vertrag am Saisonende ausläuft, am sechsten Spieltag. Nach der 0:2-Heimniederlage gegen Köln, bei der Lehmann durch einen abenteuerlichen Ausflug an die Mittellinie den entscheidenden Treffer der Gäste verschuldete, fuhr er ohne die Erlaubnis seines Clubs zu einer Wohltätigkeitsveranstaltung auf das Münchner Oktoberfest. Er wurde daraufhin von der Vereinsführung für das Zweitrunden-Pokalspiel in Lübeck (3:1 n.V.) suspendiert. “Ich bin meiner Vorbildfunktion nicht nachgekommen”, gab er danach kleinlaut zu.
“Ruhe reinbringen”
Das gilt wohl auch für die rüde Abrechnung mit seinem Kollegen Khalid Bouhlarouz. Im Februar 2009 riss Lehmann dem Verteidiger beim Uefa-Cup-Spiel in St. Petersburg (1:2) das Stirnband vom Kopf. Bouhlarouz hatte zuvor durch Unkonzentriertheit eine vielversprechende Chance der Russen eingeleitet. Zwei Tage nach der Ohrenschutz-Attacke sorgte der Keeper für den nächsten Aufreger. Im Ligaspiel gegen Hoffenheim verlor TSG-Stürmer Sejad Salihovic kurz vor Schluss beim Stand von 3:3 während einer Drangphase der Hoffenheimer einen Schuh im Stuttgarter Strafraum. Lehmann handelte umgehend und entsorgte die Stolperfalle vor der Nase Salihovics, indem er den Schuh hinter sich auf das Tornetz warf.
Solche Allüren kann sich derzeit jedoch weder Lehmann noch sein Arbeitgeber VfB Stuttgart leisten. Nach dem Pokal-Aus gegen Fürth wird es eng für den Club, Trainer Babbel bangt um seinen Job, den Schwaben droht die Dauerkrise. Und Lehmann sucht nun seine Rolle als Führungsspieler. “Ich denke, der Verein weiß, dass ich absolut dafür bin, Konstanz zu behalten und Ruhe reinzubringen”, beteuerte der Torwart.
Immerhin hatte er diesmal lobende Worte für den Fürther Balljungen übrig. Wenigstens habe der sich “ordentlich benommen”.
Quelle Spiegel
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28. Oktober 2009
Stuttgart – Zumindest eines ist dem VfB nicht vorzuwerfen: zu leicht macht sich der Verein die Entscheidung in Sachen Markus Babbel nun wirklich nicht. Seit Tagen schon wird diese Personalie im Club gedreht und gewendet. Nach der fünften Niederlage in Folge, der demoralisierenden Pokalpleite in Fürth, kamen die Verantwortlichen nun wieder zu dem Schluss, dass sie mit ihrem Teamchef weitermachen.
Dafür gibt es gute Gründe. Im Unterschied zu seinem Vorgänger Armin Veh ist Babbel immer noch kämpferisch und überhaupt nicht entmutigt. Die Mannschaft steht nicht zuletzt deshalb zum Großteil weiter voll hinter dem 37-Jährigen. Außerdem ist es für das Image des Bundesligisten sicher kein Nachteil, wenn sich der Verein selbst in der allergrößten Not den branchenüblichen Mechanismen widersetzt.
Gleichzeitig wäre es aber auch vertretbar gewesen, Babbel zu entlassen. Ihm ist es nicht einmal mehr gelungen, ein Team aufzubieten, das bei einem Zweitligisten gewinnt. Damit hat der VfB die Chance verpasst, über den DFB-Pokal in der nächsten Saison auf internationaler Bühne vertreten zu sein, was angesichts des Rückstands in der Bundesliga umso schwerer wiegt.
Eine Entscheidung ist nötig
Der VfB konnte am Mittwoch also gar keinen falschen Weg einschlagen, hat sich aber dennoch etwas verlaufen. Was in dieser Situation nämlich vor allem nötig wäre, ist eine deutlich formulierte Entscheidung. Nur so ließe sich der lähmende Schwebezustand beenden. Eine Entlassung wäre so ein deutliches Zeichen gewesen – genauso wie ein Machtwort aus der Chefetage, das Projekt Babbel unter allen Umständen durchziehen zu wollen. Zumindest bis zur Winterpause. Ein kraftvolles Bekenntnis war aber nicht zu hören. Deshalb besteht weiter die Gefahr, dass sich die interne und externe Trainerdiskussion ungebremst fortsetzt.
Für die deutlichen Worte wäre am Mittwoch der VfB-Präsident Erwin Staudt zuständig gewesen – und nicht sein Vorstandskollege Horst Heldt. Der Manager und seine verfehlte Transferpolitik sind schließlich ein Teil des momentanen VfB-Problems.
Quelle StZ
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Stuttgart – Der VfB Stuttgart hat die Bewährungsfrist für Markus Babbel verlängert. Der nach einer Niederlagenserie und dem Pokal-K.o. in Fürth vom Rausschmiss bedrohte ehemalige Weltklasse- Verteidiger bleibt Teamchef des seit Wochen schwächelnden schwäbischen Fußball-Bundesligisten und sitzt auch am Samstag beim Süd-Schlager gegen den FC Bayern München auf der Bank. VfB- Sportdirektor Horst Heldt beantwortete die Frage, ob es ein Ultimatum für Babbel gebe, allerdings mit einem klaren “Nein”. Er betonte: “Wir sind davon überzeugt, dass dieses Trainerteam die Mannschaft aus der Krise herausführen wird.”
Babbel leitete einen Tag nach der Pokal-Pleite bei der SpVgg Greuther Fürth am Mittwochnachmittag wie gewohnt das Training. Mehrere hundert Zuschauer klatschten spontan Beifall, als der beliebte Bayer mit kurzer Verspätung auf den Platz kam.
Nach dem Achtelfinal-Aus und den jüngsten Niederlagen in der Bundesliga und der Champions League war fraglich, ob Stuttgart an Babbel festhalten würde. “Wir müssen das erstmal verarbeiten und verkraften, und dann werden wir weiter sehen”, hatte Heldt nach dem schmerzhaften 0:1 gegen den Zweitliga-Achten am Dienstagabend gesagt. “Ich weiß nicht, ob es nur Pech ist, was wir haben.”
Auch Babbel hatte sich nach der fünften Niederlage in Folge keine Illusionen gemacht. “Die Lage wird mit Sicherheit nicht einfacher. Ich kann nur, so lange ich tätig bin, alles dafür tun, dass die Mannschaft wieder in die Erfolgsspur kommt”, sagte er. “Für mich wird es so langsam eng. Ich hoffe, dass der Verein weiter hinter mir steht.”
Dazu haben sich die Verantwortlichen des immer tiefer in die Abstiegsregion taumelnden Tabellen-14. nach langen, intensiven Gesprächen durchgerungen. Für Heldt war der Fall besonders heikel: Der ehemalige Profi hatte Babbel im vergangenen November zum Nachfolger des zuletzt glücklosen Meister-Machers Armin Veh gemacht. Heldt ist zudem mit Babbel gut befreundet und wohnt mit ihm im gleichen Haus. Als der ehemalige Assistenztrainer die vor einem Jahr ebenfalls sportlich kriselnden Stuttgarter dank einer beeindruckenden Aufholjagd noch auf den dritten Tabellenplatz und in die Champions League geführt hatte, war er der gefeierte Held. Elf Monate später wäre Babbel nun beinahe gefeuert worden.
Klar ist, dass die Zusammenarbeit nur im Fall eines Aufschwungs eine längerfristige Perspektive hat. Ob gegen den ebenfalls stark schwankenden deutschen Rekordmeister Bayern München bereits an diesem Samstag der erhoffte Befreiungsschlag gelingt, erscheint angesichts der tiefgreifenden Verunsicherung der VfB-Profis allerdings fraglich.
Nach dem Cup-K.o. herrschte jedenfalls Tristesse pur. Babbel schlich Sekunden nach dem Schlusspfiff mit versteinerter Miene in die Kabine. Im dunklen Anzug und mit gefalteten Händen ließ er danach die Pressekonferenz über sich ergehen. “Im Pokal zählt nicht, ob du gut oder schlecht spielst. Da zählt nur das Weiterkommen”, räumte er ein.
Die Spieler stehen hinter Babbel und seinem Trainerteam. “Ich denke, der Verein weiß, dass ich absolut dafür bin, Konstanz zu behalten, Ruhe reinzubringen und mit den Trainern weiterzuarbeiten”, sagte Torwart Jens Lehmann am Dienstag und warnte: “Fehler, die wir Spieler machen, jetzt mit Fehlern des Vereins gutmachen zu wollen, ist nie gut. Fehler auf Fehler. Das kann dazu führen, dass man in vier Monaten wieder hier steht, und eine Situation hat, die der jetzigen ähnelt.” Möglicherweise hatten dieses und andere Plädoyers Einfluss auf die positive Entscheidung des VfB-Vorstands.
Quelle StZ
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Stuttgart – Markus Babbel bleibt beim VfB Stuttgart zumindest bis nächsten Mittwoch im Amt. Der Teamchef betreut die Roten auch im Bundesligaspiel gegen den FC Bayern am Samstag (31. Oktober) und in der Champions League beim FC Sevilla am 4. November.
Am Montag vormittag tagte im Clubheim der Vorstand. Nach dem Viertelfinal-Aus im DFB-Pokal beim Zweitligisten SpVgg Greuther Fürth (0:1) berieten Präsident Erwin Staudt, Sportdirektor Horst Heldt und Finanzvorstand Ulrich Ruf die sportliche Situation und kamen zu dem Ergebnis: Der Verein setzt weiter auf Markus Babbel – trotz der sportlichen Talfahrt mit nur zwei Siegen aus den letzten 14 Begegnungen. Der Teamchef war am Vormittag gegen 11 Uhr am Clubgelände erschienen. Am Nachmittag will Horst Heldt zur Entscheidung des Vorstandes Stellung nehmen.
Für Alexander Hleb hat das Pokalspiel in Fürth unangenehme Konsequenzen. Nach seinem Eklat mit Mannschaftsarzt Heiko Striegel verordnete der VfB dem Mittelfeldspieler eine Denkpause. Hleb muss bis auf Weiteres auf der Tribüne Platz nehmen. In Fürth hatte sich der Weißrusse nach dem Schlusspfiff mit Striegel angelegt, der ihn zur Dopingkontrolle bat. Statt der Aufforderung nachzukommen, attackierte Hleb den Arzt. Es kam zu Handgreiflichkeiten im Kabinengang. Ludovic Magnin ging dazwischen und trennte die beiden Streithähne.
Quelle StZ
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Stuttgart – Markus Babbel bleibt zumindest vorerst Teamchef des VfB Stuttgart. Der 37 Jahre alte Bayer leitete am Mittwochnachmittag wie gewohnt das Training des schwäbischen Fußball- Bundesligisten. Nach dem Ausscheiden im DFB-Pokal gegen Zweitligist SpVgg Greuther Fürth am Dienstag und den jüngsten Niederlagen in der Bundesliga und der Champions League war fraglich gewesen, ob die seit Wochen schwächelnden Schwaben an Babbel festhalten.
Der ehemalige Weltklasse-Verteidiger hatte den VfB im vergangenen November als Nachfolger von Armin Veh übernommen und nach einer beeindruckenden Aufholjagd noch auf den dritten Tabellenplatz geführt.
Quelle StZ
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