1. April 2013
Nach der Länderspielpause und einer gefühlten Ewigkeit mal wieder hatte der VfB ein Heimspiel zur traditionellen Fußballzeit, Samstag 15.30 Uhr, vor der Brust. Voller Vorfreude und auch mit einem gewissen Optimismus machte ich mich an diesem Samstag schon sehr frühzeitig auf zu einem Bierchen und Fachsimpeleien mit Freunden. Diese Rituale gehören dazu wie das Treiben auf dem grünen Rasen und können an einem Samstag-Nachmittag natürlich weitaus genüsslicher angegangen werden als bei Sonntag-Spielen.
Durchaus optimistisch deswegen, weil der VfB dem BVB zuletzt vier Mal in Folge ein Remis abringen konnte, weil, durch die Länderspielpause und den Wegfall der Dreifachbelastung ein wenig Zeit zum durchschnaufen war und weil der VfB zuletzt durch den Auswärtssieg bei Eintracht Frankfurt den Tabellendruck etwas abmildern und sich Selbstvertrauen zurück holen konnte.
Das Stadion war seit längerem mal wieder ausverkauft, was einmal mehr verdeutlicht, dass zum VfB viele Leute eher wegen dem Gegner als wegen dem VfB kommen. Ein Phänomen, das nun mal so ist. Vor allem in Zeiten, des sportlichen Misserfolgs, in einer Saison, in der sich eine emotionslose Partie an die nächste reiht, in der sich Verein und Mannschaft immer mehr vom Publikum entfremden, in denen man für immer weniger Gegenleistung immer mehr Geld bezahlen soll, da ist ein Stadionbesuch einfach nicht mehr so selbstverständlich wie vielleicht noch vor einigen Jahren.
Und die VfBler, die zu Hause blieben, ermöglichten den unzähligen Gelb-Schwarzen sich einen Platz inmitten des weiten Runds zu sichern. Dies hatte zur Folge, dass sicherlich rund 10.000 BVB-Fans das Neckarstadion bevölkerten. Dortmunder möchte ich nicht sagen, da es unter denen doch sehr geschwäbelt hat.
Im Vergleich zum Frankfurt-Spiel änderte Labbadia die Anfangsformation gleich auf vier Positionen. Tasci wegen Grippe, Kvist und Molinaro gesperrt fielen ebenso aus wie der verletzt von der Nationalelf zurückgekehrte Shinji Okazaki. Für diese rückten Rüdiger hinten rechts, Felipe, Maxim und Harnik ins Team. Der VfB begann engagiert und hatte durch Niedermeier und Traore erste gute Tormöglichkeiten, hatte aber auch Glück, dass Reus in der Anfangsphase an Sven Ulreich scheiterte. Der VfB war von Beginn an im Spiel und es entwickelte sich, wie so oft in letzter Zeit gegen den BVB, ein Spiel mit offenem Visier. Man merkte den Brustringträgern an, dass sie sich etwas vorgenommen hatten und keineswegs dem scheinbar übermächtigen Gegner das Feld kampflos überlassen wollten. Anders als in so vielen Spielen zuvor , als man verhalten ins Spiel ging und erst einmal abwartete, den Sicherheitsrückpass dem Steilpass stets vorzog, war auf einmal Bewegung und Kampfgeist drin, was sich auch aufs Publikum projizierte. Gerade bei uns, Haupttribüne Seite Richtung Untertürkheimer Kurve, wo man oft den gegnerischen Anhang lauter hört als den unseren, wo sich gegnerische Fans in großer Anzahl tummeln, wo sich zuletzt eine unfassbare Lethargie und Gleichgültigkeit breit machte, gerade hier spürte ich, wie sich das Feuer vom Rasen auf die Ränge übertrug und Gift wie lange nicht mehr drin war.
Dass, wenn David gegen Goliath spielt, der vermeintlich kleine auch einmal zu unlauteren Mitteln greifen muss um nicht Katz und Maus mit sich spielen zu lassen, liegt in der Natur der Sache. Dass die Dortmunder Spieler, die meist unheimlich flink auf den Beinen sind, das eine oder andere Mal auch rustikal ausgebremst werden müssen, ist doch normal in diesem Sport. Wie sehr würde man sich aufregen, würde man sich sang- und klanglos ergeben und hätte nach dem Schlusspfiff nicht eine gelbe Karte zu verzeichnen.
Ich betone hierbei rustikal und meine nicht brutal oder fies. Die Aktion von Martin Harnik gegen Schmelzer fand ich überflüssig, da, so wie der Ball kam, eigentlich keine Gefahr mehr entstehen konnte. Wenn man sich die Fernsehbilder anschaut, sieht man auch, dass Harnik schon vor dem „hohen Fuß“ Körperkontakt mit Schmelzer hatte, also genau wusste, dass er „in der Nähe“ war und es einfach nicht so ist, wie er hinterher zum Besten gab, dass er ihn nicht gesehen hätte. Ob jetzt der Fuß hoch oder der Kopf zu tief war, ist müßig zu diskutieren. In dieser Situation hätte er nicht so einsteigen brauchen, fertig. Allerdings, dieses Vergehen wurde richtigerweise mit Gelb sanktioniert, eine härtere Strafe wäre überzogen gewesen. Es war Harniks fünfte Gelbe Karte, so hat er jetzt auch ausreichend Zeit, darüber nachzudenken, ob das hat sein müssen.
Und, Marcel Schmelzer, nichts für ungut. Der BVB hat Erfahrungen mit Gesichtsverletzungen und wird sicherlich die bestmögliche Versorgung gewährleisten können. Dass man auch mit Nasenbeinbruch nicht so schwer gehandicapt ist wie bei einem Fußbruch zeigt derzeit unsere Winterneuerwerbung Alexandru Maxim. Er stand erstmals in der Bundesliga in der Startelf und wird dort hoffentlich nicht so schnell wieder rausfliegen, auch wenn er damit Brunos Wunschelf sprengen sollte. Er ist DER Lichtblick in Zeiten fußballerischer Armut, ist er doch ein Spieler, dessen Freund der Ball ist und der einzige weit und breit in unserem Kader, Raphael Holzhauser mit Abstrichen ausgenommen, der es vermag einen Eckball bzw. Freistoß zum eigenen Mann und vor allem über den ersten Abwehrspieler hinweg zu bringen. Bei ihm geht mir derzeit das Herz auf und nicht umsonst gilt er als der „Mario Götze Rumäniens“. Ich bin guter Hoffnung, dass wir an ihm noch viel Freude haben werden und freute mich riesig, dass er es war, der sich für seine starke Leistung mit dem zwischenzeitlichen Ausgleich belohnte.
Brunos Wunschformation wurde unter anderem durch Kvists Gelbsperre gesprengt. Ob ein Kausalzusammenhang zwischen Kvists Sperre und dem neuen Angriffsschwung besteht? Für mich liegt dieser „Verdacht“ nahe, war das VfB-Spiel doch plötzlich viel schneller und ansehnlicher. Wenn man sich die Verfassung des dänischen Nationalspielers zuletzt vor Augen führt, war seine Sperre für das Team mehr Segen als Fluch.
Eine andere Maßnahme, zu der Bruno Labbadia buchstäblich gezwungen wurde, war, Antonio Rüdiger als Rechtsverteidiger aufzustellen und Gotoku Sakai links verteidigen zu lassen. Eine personelle Rochade, die ich mir schon nach dem Bayern-Spiel gewünscht hätte, als Rüdiger großartig gegen Ribery spielte, und, nachdem Sakai zurückkehrte, sofort wieder auf der Bank oder Tribüne verschwand. Gerade junge Spieler verstehen doch die Welt nicht mehr, wenn sie nach starken Leistungen sofort wieder aus dem Team genommen werden, wenn vermeintliche Leistungsträger von Sperren, Verletzungen oder Afrika-Cup zurückkehren. Ein Trainer sollte doch immer zuerst die formstärksten Spieler bringen und gute Leistungen belohnen, anstatt blind seiner inneren Überzeugung zu folgen, und sich Woche für Woche von SEINEN Lieblingen enttäuschen zu lassen. Diesbezüglich erinnert mich Labbadia oft an Giovanni Trapattonis legendäre Wutrede bzw. den Auszug davon „Ein Trainer ist nicht ein Idiot“. Bei solch sturem Festhalten an manchen Spielern bin ich (dann) gegenteiliger Meinung!
Doch nun zurück zum Spiel. Für Schmelzer kam Piszczek, der eigentlich für die Champions League Partie in Málaga geschont werden sollte, ins Spiel. Ausgerechnet der polnische Rechtsverteidiger war es dann, der fünf Minuten nach seiner Einwechslung seine Farben in Führung köpfte. So gesehen war der Tritt von Harnik gegen Schmelzer für den BVB ein „Glückstritt“. Beim VfB war die Aufregung groß, war dem Freistoß, der dem 0:1 voranging doch ein unberechtigter Einwurf für Dortmund vorausgegangen. Bei aller Aufregung aber, eine vom BVB schon hundertfach gesehene Freistoßvariante darf man auch besser verteidigen…
So rächte sich in einem bis dato ausgeglichenen Spiel mit verteilten Torchancen, hüben wie drüben, die erneut schludrige Chancenverwertung vom VfB, die sich wie ein roter Faden durch die Saison zieht. Ibisevic, meist auf sich alleine gestellt, bekommt zu wenig Futter, um sein Torkonto erhöhen zu können, er fällt derzeit meist lediglich dadurch auf, dass er Bälle gut behaupten kann. Mangelndes Engagement kann man ihm nicht vorwerfen, fast unermüdlich wirft er alles in den Ring, was er zur Verfügung hat. Wenn er sich Tore nicht selbst vorbereitet, trifft er aber (zur Zeit) nicht. Schade, dass er knapp im Abseits stand, als er Weidenfeller per Kopf überwunden hatte.
Stattdessen hätten aber Georg Niedermeier und vor allem Traore treffen müssen. Möchte man ein solches Spiel gegen einen starken Gegner gewinnen, dann muss man einfach die Kiste machen und 1:0 in Führung gehen. So fiel der Treffer auf der anderen Seite, was den VfB allerdings dieses Mal nicht lähmte und zurück warf. Nicht zuletzt, weil sie in Maxim endlich mal wieder einen kreativen Kopf auf dem Platz hatten, gelang es, dem BVB ein über weite Strecken ausgeglichenes Spiel zu bieten.
Nach einer guten Stunde Spieldauer kam der VfB dann zum verdienten Ausgleich durch Maxim, der zu diesem Zeitpunkt in der Luft lag. Knackpunkt des Spiels war dann die gelb-rote Karte für Georg Niedermeier nach 70 Minuten. In meinen Augen einfach nur dumm dieses Einsteigen, wenn man bereits gelbverwarnt ist. Dieses Foul wäre vom einen oder anderen Referee auch mit glatt rot bestraft worden, daher auch ist es auch müßig darüber zu diskutieren, dass die erste gelbe Karte für Niedermeier keine war. Der Schorsch wirkte nicht nur in dieser Szene übermotiviert und machte seinem Spitznamen „Niederstrecker“ alle Ehre. Unschön, was dann geschah, als Götze im Fallen eine Bewegung mit seiner Hand in Richtung Schorsch machte, ihn wohl auch im Gesicht „streichelte“, der Schorsch sich aber danach wälzte, als habe ihm Mike Tyson seine gefürchtete Schlaghand ins Gesicht gedonnert. Diese Theatralik im „modernen“ Fußball widert mich einfach an, ob es jetzt ein Gegner ist oder wie in diesem Fall ein eigener Spieler. Wir haben doch gestandene Mannsbilder auf dem Platz und keine Memmen, also sollten sie sich auch wie Mannsbilder benehmen und nicht sämtliche guten Sitten vergessen, nur um sein eigenes Strafmaß abmildern zu wollen oder eine Bestrafung für den Gegenspieler herausschinden zu wollen. Was mich betrifft kann der Schorsch damit keinen Eindruck machen, ich fand das nur peinlich.
Schlimm ist eben, wo wir schon bei Schauspielerei sind, dass diese mittlerweile zum guten Ton in der Bundesliga gehört. Wie oft sieht man Spieler, die sich bei gegnerischem Ballbesitz herum wälzen, um zu erwirken, dass irgendeiner den Ball raus spielt und plötzlich wieder „fit“ sind, wenn die eigene Mannschaft den Ball gewinnt. Um diesem Treiben Einhalt zu gebieten, plädiere ich dafür, gnadenlos weiter zu spielen, zumindest von der gegnerischen Mannschaft, ohne dabei irgendetwas von verletztem Fairplay zu faseln. Wo ist denn das Fairplay, wenn 60.000 Zuschauer im Stadion durch den Verfall der Sitten verarscht werden und das Spiel dazu noch unnötig verlangsamt wird.
So war die Hinausstellung Niedermeiers gerechtfertigt, ebenso wie die gelbe Karte für Götze. Für meinen Geschmack war das noch zu wenig, um hier eine Hinausstellung Götzes zu fordern. Allerdings hat mir der Schiedsrichter Aytekin insgesamt zu einseitig gepfiffen, bspw. hätte Gündogan ebenso gelb oder dann später auch gelb-rot sehen können bzw. müssen, in Situationen, als es weniger um den Ball ging, als bei der Aktion von Niedermeier, wo immerhin die Absicht unterstellt werden konnte, er wolle den Ball spielen. Auch muss man nicht zwingend bei jedem Körperkontakt gegen die wendigen Leichtgewichte Reus und Götze auf Freistoß für den BVB entscheiden. Diese wiederum forderten stets gestenreich, genauso wie die Dortmunder Bank und vor allem im Tor Ramona Weidenfeller Karten gegen den VfB. Dieses ständige Reklamieren, Gestikulieren und Rumgeheule, um den Schiri auf seine Seite zu bekommen, hätte genauso sanktioniert gehört. Der VfB hätte noch einen Handelfmeter bekommen können, dazu war die gelbe Karte für eine vermeintliche Schwalbe gegen Boka völlig überzeugen. Ich hatte manchmal den Eindruck, dass der DFB dem Schiedsrichtergespann die Mission erteilt hatte, die Liga noch ein wenig „spannend“ zu halten und dass der VfB eben die Bayern nicht schon zum frühzeitigen Meister machen sollte.
Der VfB hat meiner Meinung nach über weite Strecken das getan, was er tun musste. Er begegnete dem BVB mit Einsatz, Kampf und Leidenschaft, Tugenden, die wir lange vermisst hatten. Daher verteufele ich keineswegs das eine oder andere harte Einsteigen, dies war notwendig, um dem BVB Paroli zu bieten und in gewisser Weise auch um sich Respekt zu verschaffen.
Aus diesem Blickwinkel kann ich auch die Aussage von Labbadia unterschreiben, dass die Dortmunder keineswegs unter Artenschutz stehen. Wir sind sicherlich nicht dafür zuständig, dass die Dortmunder am Mittwoch gegen Málaga eine schlagkräftige Elf auf dem Platz haben, auch wenn ich natürlich hoffe, dass der BVB diese Hürde nimmt. Der VfB kämpft ums Überleben in der Liga und kann auf solche Sentimentalitäten in der derzeitigen Situation keine Rücksicht nehmen.
Dass Klopp hinterher die überharte Gangart vom VfB und die eine oder andere Schramme seiner Kicker beklagte liegt ja mit daran, dass sie sich ebenfalls mit allem, was sie haben, ins Getümmel werfen und ordentlich austeilen. Diese Spielweise hat sie in den letzten Jahren so erfolgreich gemacht, also sollte jetzt auch nicht gejammert werden, wenn der VfB gut dagegen hielt.
Als VfB-Fan ging ich trotz der Niederlage, die leider in Unterzahl nicht mehr verhindert werden konnte, zufrieden von dannen. Der VfB hat einiges ins Spiel investiert und hätte den einen Punkt sicherlich auch verdient gehabt. Sollte es gelingen, diese neu entdeckten Tugenden auch bei den kommenden Spielen in die Waagschale zu werfen, ist mir nicht bange. Mindestens gegen zwei Drittel der Liga würde eine solche Leistung zum Sieg reichen und diese aufopferungsvolle Hingabe belohnt werden.
Für den VfB wird es in den restlichen Spielen darum gehen, den Abstand auf Relegationsplatz 16 zu halten und mit der Abstiegszone nichts mehr zu tun zu bekommen. Die Spiele werden aber weniger und unten scheint das kurze Aufmucken des FC Augsburg schon wieder beendet zu sein. Alle anderen, die in der Tabelle hinter uns platziert sind, punkten ebenfalls nicht gerade furchteinflößend, so dass das Thema Abstiegsgefahr hoffentlich bald ad acta gelegt werden kann.
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16. März 2013
Uns hat es diese Woche also nach Mailand verschlagen. Rom zum Glück noch nicht gebucht gehabt, Urlaub war schon eingereicht, also, was tun? Mit den Rom-Fahrern solidarisieren und zusammen Fußball in Rom schauen, jedoch nicht ins Stadion dürfen oder ein Alternativprogramm überlegen. Wir entschieden uns für letzteres und vor allem für Fußball. Dies sogar in doppelter Hinsicht. Wir hatten das Europa League Spiel Inter Mailand gegen die Tottenham Hotspurs auserkoren, Live-Fußball IM Giuseppe-Meazza-Stadion und, deshalb in doppelter Hinsicht, wir erwarteten Fußball und bekamen Fußball geboten. Im Neckarstadion ist ja diese Saison Magerkost und Fußball zum Abgewöhnen zu ertragen, in Mailand aber standen sich zwei topbesetzte Teams gegenüber, die ein Spektakel zu bieten bereit waren. Dies war aufgrund des Hinspielergebnisses so nicht zu erwarten, Inter ging in London mit 0:3 unter. Doch von Beginn an merkte man den Italienern an, dass sie noch an das Wunder glaubten. Zwar stets auf Sicherheit bedacht, ein einziges Gegentor hätte frühzeitig das Ende aller Träume bedeutet, dennoch mit Zug nach vorne gingen sie das Spiel an und gingen in der 20. Minute durch Cassano verdient in Führung. Tottenham, leider ohne den gesperrten Bale angetreten, enttäuschte auf der ganzen Linie. Schon die Anzahl der mitgereisten Fans enttäuschte mich, gerade einmal schätzungsweise 800 Engländer fanden den Weg ins riesige Meazza-Stadion, dem zweitgrößten Fußballtempel Europas. Tagsüber in der Stadt wunderte ich mich schon, dass man keinen Platz entdeckte, auf dem die Engländer Party machten, im Stadion war mir dann klar, weshalb. Ich rechnete eigentlich mit etwa 5.000 Tottenham-Fans, sind die Engländer im Allgemeinen und die Fußballfans im Besonderen doch als sehr reiselustig bekannt. Woran das lag, darüber kann ich nur mutmaßen. War es das klare Hinspielergebnis oder waren es die schlechten Erfahrungen der Tottenham-Fans in südlichen Ländern in den letzten Jahren, als ja von der einen oder anderen Messerstecherei mit Verletzten auf Tottenham-Seite zu lesen war.
Enttäuschend war auch die Kulisse insgesamt, gerade einmal 18.241 Zuschauer wohnten diesem Spektakel bei. Auch hier könnte das Hinspiel-Ergebnis und damit der verloren gegangene Glauben ans Weiterkommen eine Rolle gespielt haben. Die frühe Anstoßzeit um 19 Uhr wird ebenso eine Rolle gespielt haben. Am Gegner kann es ja nicht gelegen haben, traten an diesem Abend doch zwei klangvolle Namen im europäischen Vereinsfußball gegeneinander an. Oder wird die Europa League auch in Mailand nicht angenommen? Ich denke, dieser Wettbewerb hat allgemein ein Image-Problem, wenn man sich die leeren Ränge in einigen anderen Achtelfinalstadien so anschaut. Nein, ich rede nicht von den beiden Geisterspielen. Beim Spiel Rubin Kasan-Levante war eine Minuskulisse von 520 Zuschauern zu beklagen!
Zurück zu „unserem“ Spiel. Inter erhöhte bis zum Ende der regulären Spielzeit auf 3:0 und egalisierte somit das Resultat von der White Hart Lane. Tottenham blieb über weite Strecken harmlos und zeigte sich allenfalls bei zwei, drei Distanzschüssen. Die Regie führte eindeutig Inter, so dass eine Verlängerung her musste, um den Sieger dieses Achtelfinalduells zu ermitteln. Ich muss zugeben, so toll das Spiel war, so euphorisch auch die Stimmung auf den Rängen war, wäre ich doch froh gewesen, das Ding wäre nach 90 Minuten entschieden gewesen. Zum einen wollte ich eigentlich in Stadionnähe eine Sportsbar suchen, um den VfB anzuschauen, zum anderen war es auch aufgrund des böigen Windes extrem frisch geworden, so dass ich, nach gerade abklingender Erkältung, ziemlich gefroren habe.
Während der Pause zwischen dem Abpfiff und der Verlängerung konnte man sehen, wie die Aufholjagd von Inter ihren Tribut gefordert hatte. Fast alle Spieler wurden an den Waden massiert und lagen recht gezeichnet auf dem Rasen, während sich die Tottenham-Spieler Bälle zuspielten und sich allenfalls dehnten. So kam Tottenham, mit dem eingewechselten Lewis Holtby, wie verwandelt aus dieser Pause und machte auf einmal Druck, so dass das am Ende entscheidende Auswärtstor von Adebayor nicht lange auf sich warten ließ. Inter erzielte zwar noch das 4:1 und schöpfte wieder etwas Hoffnung, der Akku war aber leer, so dass ihnen kein fünftes Tor mehr vergönnt war.
Als neutraler Zuschauer taten mir die Tifosi in diesem Moment wirklich leid. Sie hatten alles versucht und wirklich ein riesen Spektakel geboten, so dass keiner der Inter-Fans sonderlich enttäuscht den Heimweg antrat.
Ich war bereits zum zweiten Mal im Meazza- oder auch San Siro genannten Stadion. Bei der WM 1990 fuhren wir zum Spiel gegen die Vereinigten Arabischen Emirate (5:1), damals das einzige Spiel, für das es im Prä-Internet-Zeitalter problemlos Karten an den Tageskassen gab. Die Atmosphäre fand ich trotz der spärlichen Kulisse gut, zu fast jedem Tor gab’s noch ein Freudenfeuerchen in der Curva Nord. Lediglich die Affengeräusche, vor allem wenn Adebayor am Ball war, nervten. Ein wenig skurril finde ich das Verhalten dieser sog. Fans schon, wenn ich bedenke, dass vor nicht allzu langer Zeit u. a. Eto’o, Maicon und Balotelli das Inter-Trikot getragen hatten. Wie ich gelesen habe, gibt es eine offizielle Beschwerde von Tottenham bei der UEFA, so dass Inter sicherlich eine Strafe zu erwarten hat. Ein Geisterspiel möchte ich nicht fordern, da ich von dieser Form der Bestrafung überhaupt nichts halte, einen Denkzettel braucht es aber schon für dieses primitive Verhalten einiger Idioten.
Den Bogen zum Geisterspiel habe ich dennoch elegant gespannt. Die Vorfreude auf die Übertragung vom VfB und dessen Darbietung im leeren Olimpico in Rom wurde mir schon zu Beginn der Verlängerung genommen. Schnell erreichten mich SMSen vom 0:1 und 0:2 und Kommentare dazu, wir würden den deutschen Fußball blamieren, sie sollten einen Spielabbruch provozieren, dass das Ergebnis 0:2 oder 0:3 gewertet wird und es kein Debakel mehr geben kann und vieles mehr.
Mein erster Gedanke war „alles richtig gemacht“. Wir saßen im Meazza auf der Tribüne und „mussten“ uns die Demütigung nicht anschauen, im Gegenteil, wir wurden richtig unterhalten. Nach Ende der Verlängerung machten wir uns aber schnell vom Acker und gingen in eine Pizzeria in unmittelbarer Stadionnähe. In erster Linie konnten wir uns aufwärmen, in zweiter kam dort auch die Europa League Konferenz, u. a. mit dem VfB bei Lazio. Es war die schnellste Konferenzschaltung, die ich je gesehen habe, die Sky Italia ihren Abonnenten bietet. Bei uns kommt es ja vor, wenn auf anderen Plätzen nichts passiert, dass man mal vier oder fünf Minuten bei einem Spiel stehen bleibt und so auch einen Eindruck vom Geschehen gewinnen kann. Die Italiener aber schalten auch bei einem harmlosen Torschuss mal kurz ins andere Stadion und wieder zurück, und bleiben eigentlich nie länger als eine Minute bei einem Spiel. So war es natürlich schwierig dem Geschehen auf den Plätzen konzentriert zu folgen.
Nach dem Zwischenergebnis aus Rom war mir das an diesem Abend aber wirklich scheißegal.
Wie fast immer in der derzeitigen Phase wurden vor dem Spiel große Töne gespuckt. Man würde an sich glauben, wolle alles versuchen, wolle im Spiel Sicherheit gewinnen und nach und nach auch vorne Nadelstiche setzen. Wir haben uns noch nicht aufgegeben, wir wissen, was wir können, wenn wir als Team funktionieren und so weiter und so fort. Ich kann es nicht mehr hören.
Die Tore von Kozak in der 6. und in der 8. Spielminute rissen den VfB früh aus allen Träumen. Bei beiden Treffern nach simplen Diagonalbällen sahen unsere Innenverteidiger alles andere als souverän aus. Im Gegenteil, wie Schulbuben ließen sie sich von den abgezockteren Italienern düpieren. Wenn dann hinterher vom einen oder anderen noch hinaus posaunt wird, man wäre doch gut aus der Kabine gekommen und dass die ersten fünf Minuten ganz passabel waren, da fehlen mir die Worte.
Nach 8 Minuten war das Spiel also gelaufen, die Laziali konnten zwei Gänge herunter schalten und den VfB guten Gewissens kommen lassen, es hat sich schließlich bis nach Rom herumgesprochen, dass es unserem Spiel an Kreativität und Durchschlagskraft mangelt. So lag es auf der Hand, dass der VfB zu mehr Spielanteilen und auch Torabschlüssen kommen werde, mehr als ein Tor von Tamas Hajnal sprang aber auch dabei nicht heraus. Der VfB verabschiedete sich also sang und klanglos aus dem Wettbewerb. Wenigstens waren dieses Mal nicht die Zuschauer schuld.
Hinterher wurde wie üblich dann das positive herausgefiltert, dass das Team Charakter gezeigt habe, sich nicht habe abschlachten lassen, noch einmal alles versucht habe, viel dabei lernen konnte und sich endlich einmal belohnen müsse. Wofür eigentlich?
Ich frage mich, wie viel Streicheleinheiten das Team noch bekommen soll oder ob nicht einmal ein eiserner Besen vonnöten wäre. Wie kann ich überhaupt auf die Idee kommen, ein Spiel zu bewerten, das nach der 8. Minute eigentlich nicht mehr zu bewerten war. Die Römer mussten nichts mehr machen und hätten sicherlich zu jeder Zeit wieder einen Gang zulegen können, wenn es nötig gewesen wäre. Ein Arbeitnehmer im normalen Berufsleben kann es ja einmal versuchen, Montag und Dienstag so viele Böcke zu schießen, dass er Mittwoch bis Freitag damit beschäftigt ist, diese wieder zu bereinigen. Dass sein Chef Freitags dann zu ihm kommt, ihn bei der Hand nimmt und lobt, dass er nicht noch weiteren Mist gebaut hat, bezweifle ich in höchstem Maße.
Aber, nicht jeder Arbeitgeber ist eben wie der VfB. In der Wohlfühloase auf dem Wasen findet sich immer ein Schuldiger für die Verfehlungen seiner Angestellten, zuletzt wurde die zahlende Kundeschaft ausgemacht, Mitschuld an der Krise zu tragen. Sogar die Zeitung mit den großen Buchstaben titelte „Spielermobbing durch die Fans“. Plötzlich hatten wir den schwarzen Peter, was auch umgehend zu einer Zerreißprobe zwischen den Fans untereinander geführt hat. Darf man eigene Spieler auspfeifen, wenn sie eingewechselt werden sollen, wenn zu befürchten ist, dass diese die Pfiffe, die ja eigentlich eher dem Trainer gelten, persönlich nehmen? Wie sonst kann man seinen Unmut über die Vereinspolitik und die mehr als dürftigen Darbietungen zum Ausdruck bringen, ohne, dass die Spieler sich über mangelnde Unterstützung beklagen müssen? Meiner Meinung helfen die Pfiffe dem Team sicherlich nicht. Daher wäre es für mich wünschenswert, dass diese ausbleiben oder sich nach dem Spiel entladen sollten. Trotzdem sollte man uns Fans auch zugestehen, kundzutun, dass wir mit den Leistungen in dieser Saison überhaupt nicht einverstanden sind.
Dass der Kader für drei Wettbewerbe dünn besetzt ist, die vielen Langzeitverletzten fehlen, vom Vorstand kein Geld für Neuzugänge, die uns weiter bringen, freigesetzt wurde, das sind alles Tatsachen, für die man mildernde Umstände geltend machen kann.
Jedoch wurde das Team, seit Labbadia da ist, nur auf wenigen Positionen verändert. In Anbetracht dieser Tatsache ist wenig Einstudiertes bei den Spielen zu erkennen. Man vermisst eine Spielidee, man vermisst einstudierte Standards, bundesligareifes Abwehrverhalten, schnelles Umschaltspiel und vieles mehr. Dazu weigerte sich Labbadia lange beharrlich Jungs aus dem 3. Liga-Team heranzuführen. Nur durch mit den Profis trainieren ist noch keiner besser geworden. Bereits in der letztjährigen Rückrunde hatte ich mir auf dieser Plattform gewünscht, nicht auf Teufel komm raus die Europa League erreichen zu wollen, sondern lieber im Hinblick auf diese Saison junge Leute zu Einsatzzeiten kommen zu lassen. Wäre dies gemacht worden, hätten wir uns heute sicher leichter getan, den einen oder anderen Ausfall zu kompensieren. Bis heute setzt Labbadia lieber noch einen (erfahrenen) Abwehrspieler auf die Bank, anstatt von der zweiten Mannschaft oder auch von der U19 einen Stürmer zu holen, wenn im Profireservoir keiner mehr vorhanden ist. Dann braucht sich Labbadia allerdings auch nicht über Pfiffe zu beklagen, wenn bei Rückstand ein Abwehrspieler eingewechselt werden soll. Diese gelten dann eindeutig ihm und nicht dem Spieler selbst.
Mir fällt es derzeit schwer, Hoffnung auf Besserung zu haben, wenn nichts Gravierendes geschieht. Der Vorsprung auf den Relegationsplatz ist heute auf fünf Punkte zusammen geschrumpft, sollte morgen in Frankfurt nicht gepunktet werden bleibt es bis nach der Länderspielpause dabei. Die Statements von Labbadia und Bobic erwecken in mir nicht den Eindruck, dass sie sich der großen Abstiegsgefahr bewusst seien.
Mit Leistungen wie zuletzt wird es ganz schwer werden, die zum Klassenverbleib notwendigen ca. 10 Punkte zu holen.
Morgen geht es also zum Aufsteiger Eintracht Frankfurt, die überraschend Vierter sind. Ich wüsste nicht, was mir Hoffnung auf Besserung machen sollte. Klar, es ist ein Auswärtsspiel, wo wir uns zurzeit leichter tun. Bei der Eintracht könnte Unruhe herrschen ob des wohl bevorstehenden Abgangs von Armin Veh zu Schalke 04. Vielleicht ist dem VfB durch den Wegfall der Europa League Kür bewusst geworden, dass die Bundesliga das tägliche Brot ist und hier schleunigst gepunktet werden sollte, vor allem in Anbetracht der kommenden Aufgaben gegen Dortmund und in Hannover. Andererseits kennt man den VfB in dieser Saison auch schon allzu gut. Es fallen wohl mehrere Stützen verletzt aus, Labbadia wird die, die auflaufen schon klein genug reden, dass sie sich am Ende nichts vorwerfen lassen müssen. Wenn die Leistung zu blamabel werden sollte, gibt es ja noch die Ausrede, dass die Eintracht frischer war, während wir noch die 90 Minuten von Rom in den Beinen hatten. Wobei, eigentlich waren es ja nur 5 Minuten Belastung und 85 Minuten auslaufen!
Schaun wir mal, was uns die Wundertüte VfB in Frankfurt bieten wird. Vor zwei Wochen in Leverkusen wäre ja auch ein, wenn auch glücklicher Sieg, möglich gewesen wäre. Wenn, ja wenn der VfB nach der Führung das nach vorne spielen nicht eingestellt hätte. Ich hoffe, diese Lektion haben sie endlich gelernt, dass wir keine Mannschaft sind, die ein 1:0 mal so eben locker über die Zeit schaukeln kann. Also, in einem solchen Fall, bitte endlich einmal nachlegen.
Oder wird es wie in Rom, noch auf der Suche nach der Klarheit und schon liegt man aussichtslos hinten? Auch nicht auszuschließen, zumal Veh in Frankfurt ein richtig gutes Team zusammengestellt hat.
Vor zwei Jahren war Frankfurt der Wendepunkt. Erst Delpierres Platzverweis, danach ein sensationell haltender Ulle und ein ganz wichtiger 2:0-Sieg. Ich würde mich freuen, wenn es heuer wieder so käme, allein mir fehlt der Glaube.
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28. Januar 2013
Bilder von der einkalkulierten Niederlage jetzt online. Auch wenn ich nicht ernsthaft an einen Sieg geglaubt habe, ein wenig mehr hätte es meiner Meinung nach schon sein dürfen. Der VfB agierte einmal mehr gegen die Münchner wie das Kaninchen vor der Schlange. Klar, man kann sich daran aufgeilen, dass der VfB in den ersten 45 Minuten wenig bis nichts zugelassen hat und wir sogar die besseren Chancen hatten. Und, dass wir erst durch einen individuellen Patzer auf die Verliererstraße gerieten. Trotzdem fehlte mir der bedingungslose Wille, hier und gestern etwas reißen zu wollen. Ich hatte jederzeit den Eindruck, wie schon in den letzten Jahren, wenn es gegen Bayern ging, dass alleine der FC Bayern bestimmen würde, wie das Spiel abläuft. Haben sie Bock, uns abzuschießen, geht es eben 6:1 aus, wollen sie „nur“ und ohne großen Aufwand gegen uns gewinnen, spielen sie ihren Riemen wie im Februar im Pokal oder wie auch gestern herunter. Dazu bedarf es nicht einmal eigenem Zutun, irgendeiner der Brustringträger wird schon seinen Teil dazu beitragen und sich einen Scorerpunkt „verdienen“, wie gestern Molinaro, leider auf der falschen Seite.
Dem VfB fehlte der Glaube an sich selbst, daher war er sehr stark aufs reagieren bedacht denn einmal zu agieren und für Überraschungsmomente zu sorgen. Null Eckbälle und ganze zwei Chancen in 90 Minuten sprechen eine deutliche Sprache. Natürlich klafft die Schere in der Liga immer weiter auseinander, ich finde es trotzdem erschreckend, wie mittellos wir ein ums andere Mal gegen den Rekordmeister dahin siechen.
Seit gut 35 Jahren verfolge ich die Südschlager, meist live und im Stadion, und kann mich an viele legendäre Schlachten erinnern. Die Statistik ist vernichtend negativ, trotzdem gab es viele verlorene Spiele, in denen wir den Bayern auf Augenhöhe begegneten und letztendlich, obwohl wir besser waren, unglücklich verloren. Es gab viele Spiele, in denen wir mit wehenden Fahnen den kürzeren zogen, teils aus Übermut, teils aus Naivität. Man spürte den Siegeswillen und eine Verbissenheit, Derby-Charakter eben, der der heutigen Generation total abgeht. Heute erweckt es bei mir den Eindruck, dass man schon zufrieden ist, wenn sich die Niederlage in Grenzen hält. Dann reizt man den übermächtigen Gegner lieber nicht und tut ihm nicht sonderlich weh, bevor dieser Schaum vor dem Mund entwickelt und Ernst macht.
Eine gewisse Angsthasenmentalität verdeutlicht auch die Tatsache, dass wir lediglich mit einer Sturmspitze spielen und dann aber kein (Ersatz-) Stürmer mehr in den Kader berufen wurde. Abgesehen davon, dass Ibisevic so nichts passieren darf, konnte man so gar nicht von der Bank nachlegen und für etwas mehr Schwung sorgen. Ich begreife es nicht, dass Macheda noch nicht einmal im Kader war. Wenn ich einen Spieler für vier Monate ausleihe, zudem ohne Kaufoption, dann muss ich doch überzeugt davon sein, dass er uns sofort weiter helfen kann und ihn nicht ewig heranführen und integrieren. Ein Stürmer, der weiß, wo das Tor steht, wird sich auch so zurecht finden. Außerdem hätte nach der Absage des Ama-Spiels auch noch Benyamina zur Verfügung gestanden. So ruhten die Hoffnungen tief in der 2. Hälfte auf Brunos Liebling Torun, der noch nie zu überzeugen wusste, seit er hier ist.
Negativer Höhepunkt war dann schließlich noch der Platzverweis von Martin Harnik, der sich zu einem Frustfoul hinreißen ließ. Irgendwie schön zu sehen, dass es dem einen oder anderen auch an die Nieren geht, wenn man so machtlos ist. Trotzdem sehr ärgerlich, da er jetzt ausgerechnet in Düsseldorf fehlen wird, wo er in der Saison 2009/10 eine gute Zweitliga-Saison absolvierte und bestimmt top motiviert den Rasen betreten hätte.
So angefressen ich von der Hilflosigkeit unserer Akteure war, so bestürzt war ich dann noch von der Atmosphäre im Stadion. Es kann doch nicht angehen, dass, aufgrund der bislang gezeigten Leistungen nicht einmal unverständlich, dem VfB die Zuschauer davon laufen und stattdessen die Bazis fast ein Heimspiel haben. Um mich herum auf der Hauptribüne war gut ein Viertel mit nordösterreichischen Farben, was es mir gestern noch ein wenig unerträglicher machte. Es kann nicht angehen, dass bei „Steht auf, wenn ihr Bayern seid“ die halbe Untertürkheimer Kurve und Haupttribüne aufsteht und die VfBler es klaglos über sich ergehen lassen. Hier hätte ich mir auch etwas mehr Engagement auf den Tribünen gewünscht, aber, der VfB-Fan an sich ist ja inzwischen ziemlich gleichgültig geworden.
Das letzte Ärgernis, das ich noch anführen möchte, dass wir, wo wir doch nicht schon genügend Sonntagspiele haben und hatten, auch dieses Mal wieder Sonntags antreten mussten, obwohl keine Europaleague-Woche ansteht. So ging es nach zwei, drei Frust-Weizen schnell nach Hause, um heute früh wieder pünktlich auf der Matte stehen zu können.
Natürlich ist auch nach der dritten Liga-Niederlage in Folge noch nicht aller Tage Abend. Die zwei Niederlagen zum Rückrundenauftakt habe ich jedenfalls einkalkuliert gehabt und betone schon seit Wochen, dass die Rückrunde eigentlich erst in Düsseldorf richtig beginnt. Einfach wird es auch dort sicherlich nicht, zumal der VfB nach den Negativergebnissen zuletzt wohl kaum mit extrem breiter Brust auflaufen dürfte. Schaun wir mal, was der Gegner vor hat. Zuhause werden die Fortunen wohl kaum so defensiv eingestellt antreten als beim Gastspiel im Neckarstadion. Obwohl es auch den Düsseldorfern nicht entgangen sein dürfte, dass dem VfB am ehesten der Zahn zu ziehen ist, wenn man ihn einfach mal machen lässt… Vielleicht aber tut uns der Aufsteiger aber auch den Gefallen und haut sich die Dinger selbst rein, wie bei den beiden Niederlagen zum Rückrundenauftakt. Es dürfte auf jeden Fall spannend werden und für beide ein richtungweisendes Spiel werden. Düsseldorf könnte im Abstiegskampf ein Ausrufezeichen setzen, der VfB nach einem Auswärtssieg den Blick in der Tabelle wieder nach oben richten.
So frustriert ich noch bin, freue ich mich dennoch schon sehr auf unseren Auftritt in der Esprit-Arena. Auch wenn es nach dem Spiel gleich wieder mit dem Bus zurück in die Heimat geht, ist Düsseldorf doch immer eine Reise wert. Im Rheinstadion gewannen wir in den 80ern in schöner Regelmäßigkeit, unter anderem einmal 7:0, als ein junger VfBler namens Klinsmann fünf Mal für uns einnetzte.
Und, als Leverkusen vor einigen Jahren die Rückrunde dort absolvierte, war ich bereits einmal im neuen Stadion. Vielleicht ein gutes Omen, der VfB gewann nach überzeugender Vorstellung 2:4.
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9. Dezember 2012
Meine Vorfreude auf die Partie gegen Schalke hielt sich zunächst noch in Grenzen. Zu tief sitzt noch immer der Stachel der Darbietungen der letzten Wochen, steht der VfB im Frühwinter 2012/2013 doch eher für fußballerische Magerkost denn für spielerisches Feuerwerk. Natürlich stimmen unter dem Strich die Ergebnisse, auch und besonders die in den letzten zehn Tagen errungenen. Zunächst siegte man 2:1 gegen den FC Augsburg in einem Spiel, in dem das Schlusslicht der Liga den VfB phasenweise an die Wand spielte, jedoch untermauerte, weshalb die bayerischen Schwaben ganz unten stehen – sie trafen eben das Tor nicht. Dann siegte man in Unterzahl in Fürth, beim Co-Schlusslicht, auch hier hatte der VfB den rechten Gegner zur rechten Zeit. Es genügte eine den Temperaturen angemessene unterkühlte Leistung und ein Tor zum Sieg, da alles Anrennen der Franken eher kopflos erfolgte und der VfB somit wenig Mühe hatte, den knappen Sieg über die Zeit zu retten.
Und dann schließlich der fußballerische Offenbarungseid gegen Molde FK, ein Team, das in den letzten 10 Jahren außer den beiden Siegen gegen den VfB international überhaupt keine Erfolgserlebnisse feiern konnte und das direkt aus dem Urlaub kam, da in Norwegen die Saison bereits seit dem 18.11. beendet war. Klar, es ging gegen den frischgebackenen norwegischen Meister, trotzdem, mit Verlaub, darf man in einem solchen Spiel nicht doch ein bisschen mehr erwarten, auch wenn unter dem Strich das Weiterkommen stand? Wir dürfen uns bei Steaua Bukarest bedanken, die in Unterzahl in Kopenhagen ein 1:1 erkämpften und das, obwohl sie bei der VfB-Niederlage auf jeden Fall weiter gewesen wären. Hut ab!
Müssen wir als Fans zufrieden sein, wenn wir aufgrund der Ergebnisse auf anderen Plätzen ein Ziel durch die Hintertür noch erreicht haben, das bis zum Schluss am seidenen Faden hing? Ich denke nein! Alle klagen über das mangelnde Zuschauerinteresse in der Europa League. Gerade unter diesen Umständen muss das Team doch bestrebt sein, Werbung in eigener Sache zu betreiben. Stattdessen hatte man bei den VfB-Verantwortlichen lange Zeit nicht den Eindruck, dass sie selbst richtige Begeisterung für diesen Wettbewerb aufbringen können, sagte doch Bobic vor der Partie in Molde, die Bundesliga wäre das täglich Brot, und die Europa League eher unwichtiger. Schon vor der Saison warf er in die Runde, die Europa League würde von den Fans nicht angenommen werden, was ja durchaus der Wahrheit entspricht, trotzdem ist es eine unkluge Marketingstrategie, wenn man Tickets an den Mann bringen möchte, den Fans aber gleich ein Alibi liefert, die die Europa League Spiele meiden. Auch ich hätte mir attraktivere Gegner in der Gruppe gewünscht, große Namen und Teams, die den Gästeblock füllen und somit ein wenig mehr internationales Flair durchs Neckarstadion wehen würde.
Leider war das nicht der Fall, alle drei Heimspiele waren mehr oder weniger trostlose Veranstaltungen ohne einen einzigen Heimsieg, die den Daheimgebliebenen also noch Recht gaben, sich diese Spiele nicht angetan zu haben.
Dass nach der peinlichen Schlappe gegen Molde, trotz des Weiterkommens, keine Jubelarien aufkommen würden, dürfte doch auch den Protagonisten auf dem Rasen klar gewesen sein. Wer gegen eigentlich harmlose Norweger wie eine Schülermannschaft in einen Konter läuft, wer gegen sie in zwei Spielen kein Tor zustande bringt, muss sich auch Kritik gefallen lassen. Meiner Wahrnehmung nach hielten sich die Pfiffe am Donnerstag schwer in Grenzen. Auslöser des Vogels, den Martin Harnik uns Fans zeigte, war aber wohl, dass der Gassenhauer „Stuttgart international, kann man nur besoffen sehn“ angestimmt wurde und dieser Sarkasmus nach Auffassung der Spieler nicht angebracht sei. Ich kann zwar nicht mit Gewissheit sagen, seit wann dieser Song bei internationalen Spielen gesungen wird, gefühlt aber schon zu einer Zeit, als die meisten unserer Spieler noch in den Kindergarten gingen. Dass ein Martin Harnik, der seit Monaten auf der Suche nach seiner Form der Vorsaison ist, sich das Recht herausnimmt den wenigen anwesenden Fans als Dank fürs Kommen noch den Vogel zu zeigen, dass ein Georg Niedermeier, der gegen Molde unerklärliche Anfängerfehler fabrizierte, sagen darf „Zuschauer, die nur zum pfeifen kommen, sollen zu Hause bleiben“ und diese Aussagen von den Verantwortlichen sogar noch goutiert werden, zeigt, welche Kluft inzwischen zwischen den Fans und der Mannschaft liegt und wie weit sich die Hauptdarsteller auf dem Rasen inzwischen von der Basis entfernt haben. Klar fordern wir Emotionen und sehen es durchaus gerne, wenn manche Spieler nicht alles so über sich ergehen lassen. Hier aber schossen alle über das Ziel hinaus, zumal die Vereinsseite auch, nachdem eine Nacht über diese Geschehnisse geschlafen wurde, nicht von ihrer Meinung abrückten. Den Vogel zu zeigen stellt durchaus den Tatbestand der Beleidigung dar und ist fast dem Mittelfinger eines Stefan E. aus M. gleichzusetzen, der seinerzeit daraufhin von der WM 1994 in den USA ausgeschlossen wurde.
Seit Mr. Jähzorn Mäuser auf dem Wasen das Zepter schwingt, ist der Umgangston merklich rauer geworden. Nicht von ungefähr verlassen Leute auf wichtigen Positionen in einer Häufigkeit den Verein, die Ihresgleichen sucht. So passt es ins Bild, dass die Angestellten die zahlende Kundschaft beleidigen dürfen und von ihren Chefs auch noch Beifall dafür erhalten.
Ich möchte dabei diesen Vorfall keineswegs überbewerten, habe aber kein Verständnis dafür, dass von Vereins- und Spielerseite kein Wort der Entschuldigung über die Lippen kam und dass, nach dem Spiel gegen Schalke, das gesamte Stadion abgestraft wurde, anstatt sich für die Unterstützung in der Vorrunde zu bedanken, schließlich war es das letzte Bundesligaheimspiel im Jahre 2012.
Nach der Darbietung und den Vorfällen nach dem Spiel gegen Molde, hatte ich ehrlich gesagt zunächst keinen großen Bock, bereits 41 Stunden später erneut in die bitterkalte Arena zu pilgern. Was mich sportlich zu erwarten hatte, in dieser Hinsicht war ich zwiegespalten. Zum einen grenzt es natürlich an Wettbewerbsverzerrung, wenn Schalke zwei Tage mehr Pause hat und wir der einzige Europaleague-Starter mit einer solch kurzen Regenerationsphase waren. Zum anderen war mir ein Spiel vor einigen Jahren in Erinnerung, in dem wir Werder Bremen nach genau so kurzer Erholungsphase mit 4:1 vom Platz gefegt hatten, was zeigte, dass es durchaus Kopfsache ist, wie man eine solche Situation annimmt. Schalke kam mit zuletzt drei Auswärtsniederlagen in Folge im Gepäck auch nicht gerade mit sehr breiter Brust ins Neckarstadion. Auf der anderen Seite war mir natürlich auch klar, dass mit einer ähnlich emotionslosen und schwachen Vorstellung wie gegen Molde gegen die Knappen nichts zu holen sein würde.
Die Schalker reisten wie gewohnt mit einem zahlreichen und lautstarken Anhang an, die, wie die VfB-Fans erneut 12 Minuten, 12 Sekunden schwiegen, um letztmals gegen das DFL-Sicherheitskonzept zu protestieren, das am 12.12.12. verabschiedet werden soll.
Das Spiel hatte kaum begonnen, da zappelte der Ball bereits im Netz des von unserem Meisterkeeper Timo Hildebrand gehüteten Tores. Boka, der anstelle des zuletzt schwachen Molinaro spielte, dribbelte sich durchs Schalker Mittelfeld, schaffte so Raum für Traore, der seine Schnelligkeit ausspielte und in der Mitte mustergültig unseren Knipser Vedad Ibisevic bediente. Dieser hatte mit seinem achten Saisontreffer keine große Mühe mehr und überwand Timo Hildebrand erstmals. Für Hildebrand war es das erste Spiel gegen den VfB, in seiner Zeit beim SAP-Werksclub fehlte er gegen den VfB stets krank oder verletzt… Das Spiel konnte für den VfB also nicht besser beginnen und man traute seinen Augen kaum, dass der gleiche VfB, der am Donnerstag noch knapp ins Sechzehntelfinale stolperte, plötzlich herzerfrischend und mit Elan nach vorne spielte. Es zeigte sich mal wieder allzu deutlich, dass es dem VfB deutlich mehr liegt, wenn es gegen einen Gegner mit eigenen Ambitionen geht. Die Schalker wollten ihrerseits natürlich heraus aus der Negativspirale und waren relativ offensiv ausgerichtet, was dem VfB in die Karten spielte und Räume eröffnete. Leider gelang es nicht den Vorsprung zu halten. Marica war nach Flanke von Jones und Stellungsfehler von Niedermeier zur Stelle und netzte mutterseelenallein zum 1:1 ein, Gott sei Dank der einzige Grund zum Jubel für königsblau. Die Schalker erhöhten zwar daraufhin etwas den Druck, kamen aber nur Halbchancen. Der letzte Pass kam nicht an, so dass von Huntelaar zum Glück so gut wie nichts zu sehen war. Nach einem ungeschickten Rempler von Jones gegen Gentner entschied Schiri Zwayer zu Recht auf Strafstoß für den VfB. Trotz seiner Fehlschüsse vom Punkt gegen Wolfsburg und Fürth, wo er allerdings als Gefoulter selbst schoss, schnappte sich erneut Ibisevic die Kugel und hämmerte diese in die von ihm aus gesehen rechte Ecke. Hildebrand ahnte zwar die Ecke, hatte aber gegen die Wucht des Balles keine Chance. Kurze Zeit später hätte Harnik im eins gegen eins mit Hildebrand noch die Chance zum 3:1, vergab aber, wie schon gegen Molde kläglich, und schoss Hildebrand direkt in die Arme.
Besser machte es nach einer guten Stunde Raphael Holzhauser, dessen Schuss wuchtiger war, so dass Hildebrand vor die Füße von Ibisevic abklatschte und dieser bei seinem dritten Treffer erneut keine große Mühe hatte. Der Dreierpack von Vedad bedeutet für ihn die Führung in der Torjägerliste mit zehn Vorrundentreffern und die Vorentscheidung im Spiel. Bedenken kamen dann aber doch noch einmal auf, als Sakai mit einer in der Heftigkeit unnötigen Grätsche von hinten gegen Holtby vom Platz flog. Dieser Aktion ging jedoch ein nicht geahndetes Handspiel eines Schalkers voraus, so dass man dennoch von einer fragwürdigen Entscheidung sprechen konnte. Als dann jedoch wenige Minuten später Rüpel Jermaine Jones nach überhartem Einsatz gegen den wiederum sehr engagierten Ibrahima Traore ebenfalls den roten Karton vor die Nase gehalten bekam, war wieder alles im Lot und der VfB hatte kaum Mühe mehr, das 3:1 über die Zeit zu bringen. Im Gegenteil, kurz vor Schluss hätte Antonio Rüdiger fast noch sein Tordebüt gefeiert, scheiterte aber am Pfosten. Am Ende stand ein verdienter Sieg und Punktgleichheit mit den zu Beginn der Saison so hoch gewetteten Schalkern. Eigentlich unglaublich, wie der VfB da steht, wenn man sich vor Augen führt, wie viele Punkte regelrecht verschenkt wurden. Wie bereits angesprochen, hielt es die Mannschaft nicht für nötig, sich gebührend aus der Bundesligahinrunde zu verabschieden. Nach einem kurzen Gang in Richtung der Cannstatter Kurve drehten sie auch schon wieder ab. Die anderen Tribünen waren komplett außen vor und wurden keines Blickes gewürdigt. Bei den meisten anderen Vereinen, wo die Spieler rund ums Stadion, ob bei Sieg oder bei Niederlage, eine Runde drehen und alle vier Tribünen mit Applaus bedenken, sicherlich undenkbar, aber bei uns macht eben jeder sein Ding, das er für vertretbar hält.
Meine Euphorie hält sich somit auch in Grenzen, trotz der respektablen 25 Punkte, trotz der Tuchfühlung nach oben, trotz des Abstands von 13 Punkten auf den Relegationsplatz.
Kommenden Samstag in Mainz geht es dann weiter, dort fehlt dann schon (mindestens) die Hälfte unserer Viererabwehrkette. Ich denke, für Sakai bekommt Rüdiger eine Chance von Beginn an, zudem scheint sich Maza endlich zu stabilisieren, der gegen Molde und Schalke ordentliche Leistungen ablieferte. Die Mainzer spielen eine starke Saison, einfach wird es mit Sicherheit nicht. Seit langem hat der VfB mal wieder eine Woche Pause zwischen zwei Spielen, nach dem gestrigen Spiel bleibt zu hoffen, dass dieser Elan nicht verloren geht. Besonders die linke Seite mit Boka und Traore hat mir sehr gut gefallen, auch Holzhauser hat neben einigem Leerlauf, der für sein Alter aber normal ist, immer wieder tolle Momente im Spiel und ist eine absolute (kreative) Bereicherung.
Nach Mainz werde ich wieder mit dem RWS Berkheim im Bus mitfahren, bei Mainz wohl das Beste, was man machen kann. Sowohl das Stadion, mitten in der Pampa, als auch das Klatschpappen- und Karnevals-Publikum lässt dieses Spiel eher als Pflichtaufgabe denn als Saisonhighlight aussehen. Am Ende ist man einfach nur froh, wieder im Bus zu sitzen und diesen Ort möglichst schnell wieder zu verlassen, hoffentlich mit drei Punkten im Gepäck.
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30. September 2012
Der erste Saisonsieg wäre geschafft. Auch in Nürnberg war es, trotz indisponierten Franken, alles andere als ein Selbstläufer.
Es ist natürlich verständlich, dass der VfB nach den Pleiten der letzten Wochen nicht gerade selbstsicher auftreten würde.
Die Nürnberger ihrerseits traten zu diesem Aufeinandertreffen nach gutem Start mit zwei Pleiten in Serie an. So stellte sich vor dem Spiel die Frage welches von zwei angeschlagenen Teams wen aufbauen würde? Nach der Partie können wir erleichtert notieren, dass Nürnberg für den VfB der ideale Gegner zum jetzigen Zeitpunkt war. Um der Niederlagenserie Einhalt zu gebieten änderte Club-Trainer Dieter Hecking sein Team gleich auf vier Positionen im Vergleich zur 1:4 Niederlage in Hannover und brachte unter anderem erstmals Marcos Antonio in der Innenverteidigung sowie Timo Gebhart, der letztes Jahr noch die Knochen für den VfB hingehalten hatte. Besonders das Reinschnuppern von Marcos Antonio in die Bundesliga. Beim VfB stürmten nach abgesessenen Rotsperren erstmals seit dem Bayern-Spiel wieder Harnik und Ibisevic gemeinsam, während Raphael Holzhauser auf der Hajnal-Position sein Startelf-Debut feiern durfte.
Zunächst einmal rückte jedoch der Debütant der Franken in den (unfreiwilligen) Mittelpunkt. Keine halbe Minute war gespielt, als der Brasilianer Marcos Antonio einen Rückpass auf Raphael Schäfer zu kurz spielt, Vedad Ibisevic schneller als die beiden Clubberer reagierte und den Ball zum 0:1 einschob. Eine wirksamere Pille gegen die Krise kann man sich ja kaum vorstellen. Der VfB, begleitet von rund 4.000 Fans, hatte von Beginn an das Spiel, das ihm am meisten liegt. Man konnte den Gegner kommen lassen und aus einer gesicherten Defensive heraus den einen oder anderen Nadelstich setzen. Etwa 10 Minuten nach der Führung hätte Raphael Holzhauser sein insgesamt gelungenes Debüt schon mit seinem ersten Bundesligatreffer krönen können, wenn er den Marcos Antonio abgeluchsten Ball an Schäfer vorbeigebracht hätte. Für den Brasilianer war dann auch nach einer Viertelstunde der Arbeitstag beendet, Hecking ersetzte ihn durch Balitsch. Danach wurden die Nürnberger sicherer in der Abwehr und kamen zu ersten Chancen. In dieser Phase war mir der VfB einmal mehr zu passiv und reagierte nur noch, anstatt konsequent auf das 0:2 gehen. Ein Team mit größerem Selbstvertrauen hätte die zahlreichen Abspielfehler vom VfB sicherlich genutzt. So aber hielt der VfB die Null und machte eine viertel Stunde vor Schluss den Sack zu, als Ibisevic Harnik freispielte und der an Schäfer vorbei einschob zum vorentscheidenden 0:2. Danach rannte der Club nur noch kopflos an und brachte das VfB-Tor kaum mehr in Gefahr.
Unterm Strich stand also der erste Saisonsieg, sicherlich verdient gestern. Dennoch ist noch lang nicht alles Gold, was glänzt. Der VfB leistete sich viele haarsträubende Abspielfehler und technische Schwächen. Was stimmte, war der Einsatz und die Laufbereitschaft. Was mich verwunderte, war, dass sich zum Torjubel beim 2:0 lediglich Ibisevic und Sakai zu Harnik aufmachten. Eigentlich war es doch eine Situation, die der Mannschaft sämtliche Steine vom Herzen purzeln lassen müsste. Vielleicht wollten sie ja auch nur „unnötige“ Meter vermeiden. Mich irritierte dies jedenfalls auf der Tribüne. Was ich von der Maßnahme halten soll, dass plötzlich Raphael Holzhauser in der Startelf stand und erstmals, nach seiner Einwechslung gegen Hoffenheim, zwei Einsätze in Folge im Profiteam bekam, weiß ich nicht so recht. Labbadia hatte ja stets gebetsmühlenartig erklärt, die Jungs wie Holzhauser, Stöger und Rüdiger wären noch nicht so weit. Ihn ließen auch die Rufe nach dem „In die Tat umsetzen“ des Stuttgarter Wegs kalt, in dem er in dieser Frage mehr oder weniger die kalte Schulter zeigte und darauf verwies, dass dies nur die Trainer richtig beurteilen könnten. Schon gegen Hoffenheim erschien mir seine Einwechslung als ein letztes Pfeifen im Walde, um seinen eigenen Job zu retten. Daher bin ich mir nicht sicher, ob Labbadia in dieser Personalie aus voller Überzeugung gehandelt hat oder dem Druck von außen nachgegeben hat. Ich begrüße es jedenfalls außerordentlich, wenn junge Spieler Einsatzzeiten bekommen, was ja deren Marktwert steigert und somit langfristig auch zur Zukunftssicherung des VfB beitragen kann. Meiner Meinung nach hat Holzhauser ein ordentliches Debut gegeben. Er muss zwar das 0:2 machen, einem jungen Spieler verzeiht man jedoch eher einmal, wenn er vor dem Tor nicht die Nerven hat. Ansonsten war er präsent, oft anspielbar und schlug brauchbarere Standards als der Platzhirsch Hajnal. Auffallend war, dass er auf Anhieb alle Standards schlagen durfte. Was ihm etwas abging, war Spritzigkeit im Antritt und die für seine Größe unübliche Schwäche im Kopfballspiel. Dies ist aber etwas, das ausbaufähig ist und das man trainieren kann. Ich finde, Holzhauser hat weitere Chancen verdient.
Nach dem zweiten Europa League Spiel in Molde am Donnerstag folgt am kommenden Sonntag das Gastspiel von Bayer Leverkusen im Neckarstadion. Ein Team, das uns in den letzten Jahren nicht gelegen hat und das langsam ins Rollen kommt. Es wird also auch da sehr schwer werden, die Punkte in Stuttgart zu behalten. Schaun mer mal, wie sich der VfB dann präsentieren wird, ob das erste Heimtor in dieser Saison gelingt und womöglich der erste Heimsieg. Oder, war der Sieg beim Club nur ein Strohfeuer? Die Bewährungswochen für Trainer und Team gehen also weiter. Ich traue dem Braten jedenfalls noch lange nicht!
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