16. März 2013

Ob Rom oder Mailand – Hauptsache Italien

Uns hat es diese Woche also nach Mailand verschlagen. Rom zum Glück noch nicht gebucht gehabt, Urlaub war schon eingereicht, also, was tun? Mit den Rom-Fahrern solidarisieren und zusammen Fußball in Rom schauen, jedoch nicht ins Stadion dürfen oder ein Alternativprogramm überlegen. Wir entschieden uns für letzteres und vor allem für Fußball. Dies sogar in doppelter Hinsicht. Wir hatten das Europa League Spiel Inter Mailand gegen die Tottenham Hotspurs auserkoren, Live-Fußball IM Giuseppe-Meazza-Stadion und, deshalb in doppelter Hinsicht, wir erwarteten Fußball und bekamen Fußball geboten. Im Neckarstadion ist ja diese Saison Magerkost und Fußball zum Abgewöhnen zu ertragen, in Mailand aber standen sich zwei topbesetzte Teams gegenüber, die ein Spektakel zu bieten bereit waren. Dies war aufgrund des Hinspielergebnisses so nicht zu erwarten, Inter ging in London mit 0:3 unter. Doch von Beginn an merkte man den Italienern an, dass sie noch an das Wunder glaubten. Zwar stets auf Sicherheit bedacht, ein einziges Gegentor hätte frühzeitig das Ende aller Träume bedeutet, dennoch mit Zug nach vorne gingen sie das Spiel an und gingen in der 20. Minute durch Cassano verdient in Führung. Tottenham, leider ohne den gesperrten Bale angetreten, enttäuschte auf der ganzen Linie. Schon die Anzahl der mitgereisten Fans enttäuschte mich, gerade einmal schätzungsweise 800 Engländer fanden den Weg ins riesige Meazza-Stadion, dem zweitgrößten Fußballtempel Europas. Tagsüber in der Stadt wunderte ich mich schon, dass man keinen Platz entdeckte, auf dem die Engländer Party machten, im Stadion war mir dann klar, weshalb. Ich rechnete eigentlich mit etwa 5.000 Tottenham-Fans, sind die Engländer im Allgemeinen und die Fußballfans im Besonderen doch als sehr reiselustig bekannt. Woran das lag, darüber kann ich nur mutmaßen. War es das klare Hinspielergebnis oder waren es die schlechten Erfahrungen der Tottenham-Fans in südlichen Ländern in den letzten Jahren, als ja von der einen oder anderen Messerstecherei mit Verletzten auf Tottenham-Seite zu lesen war.

Enttäuschend war auch die Kulisse insgesamt, gerade einmal 18.241 Zuschauer wohnten diesem Spektakel bei. Auch hier könnte das Hinspiel-Ergebnis und damit der verloren gegangene Glauben ans Weiterkommen eine Rolle gespielt haben. Die frühe Anstoßzeit um 19 Uhr wird ebenso eine Rolle gespielt haben. Am Gegner kann es ja nicht gelegen haben, traten an diesem Abend doch zwei klangvolle Namen im europäischen Vereinsfußball gegeneinander an. Oder wird die Europa League auch in Mailand nicht angenommen? Ich denke, dieser Wettbewerb hat allgemein ein Image-Problem, wenn man sich die leeren Ränge in einigen anderen Achtelfinalstadien so anschaut. Nein, ich rede nicht von den beiden Geisterspielen. Beim Spiel Rubin Kasan-Levante war eine Minuskulisse von 520 Zuschauern zu beklagen!

Zurück zu „unserem“ Spiel. Inter erhöhte bis zum Ende der regulären Spielzeit auf 3:0 und egalisierte somit das Resultat von der White Hart Lane. Tottenham blieb über weite Strecken harmlos und zeigte sich allenfalls bei zwei, drei Distanzschüssen. Die Regie führte eindeutig Inter, so dass eine Verlängerung her musste, um den Sieger dieses Achtelfinalduells zu ermitteln. Ich muss zugeben, so toll das Spiel war, so euphorisch auch die Stimmung auf den Rängen war, wäre ich doch froh gewesen, das Ding wäre nach 90 Minuten entschieden gewesen. Zum einen wollte ich eigentlich in Stadionnähe eine Sportsbar suchen, um den VfB anzuschauen, zum anderen war es auch aufgrund des böigen Windes extrem frisch geworden, so dass ich, nach gerade abklingender Erkältung, ziemlich gefroren habe.

Während der Pause zwischen dem Abpfiff und der Verlängerung konnte man sehen, wie die Aufholjagd von Inter ihren Tribut gefordert hatte. Fast alle Spieler wurden an den Waden massiert und lagen recht gezeichnet auf dem Rasen, während sich die Tottenham-Spieler Bälle zuspielten und sich allenfalls dehnten. So kam Tottenham, mit dem eingewechselten Lewis Holtby, wie verwandelt aus dieser Pause und machte auf einmal Druck, so dass das am Ende entscheidende Auswärtstor von Adebayor nicht lange auf sich warten ließ. Inter erzielte zwar noch das 4:1 und schöpfte wieder etwas Hoffnung, der Akku war aber leer, so dass ihnen kein fünftes Tor mehr vergönnt war.

Als neutraler Zuschauer taten mir die Tifosi in diesem Moment wirklich leid. Sie hatten alles versucht und wirklich ein riesen Spektakel geboten, so dass keiner der Inter-Fans sonderlich enttäuscht den Heimweg antrat.

Ich war bereits zum zweiten Mal im Meazza- oder auch San Siro genannten Stadion. Bei der WM 1990 fuhren wir zum Spiel gegen die Vereinigten Arabischen Emirate (5:1), damals das einzige Spiel, für das es im Prä-Internet-Zeitalter problemlos Karten an den Tageskassen gab. Die Atmosphäre fand ich trotz der spärlichen Kulisse gut, zu fast jedem Tor gab’s noch ein Freudenfeuerchen in der Curva Nord. Lediglich die Affengeräusche, vor allem wenn Adebayor am Ball war, nervten. Ein wenig skurril finde ich das Verhalten dieser sog. Fans schon, wenn ich bedenke, dass vor nicht allzu langer Zeit u. a. Eto’o, Maicon und Balotelli das Inter-Trikot getragen hatten. Wie ich gelesen habe, gibt es eine offizielle Beschwerde von Tottenham bei der UEFA, so dass Inter sicherlich eine Strafe zu erwarten hat. Ein Geisterspiel möchte ich nicht fordern, da ich von dieser Form der Bestrafung überhaupt nichts halte, einen Denkzettel braucht es aber schon für dieses primitive Verhalten einiger Idioten.

Den Bogen zum Geisterspiel habe ich dennoch elegant gespannt. Die Vorfreude auf die Übertragung vom VfB und dessen Darbietung im leeren Olimpico in Rom wurde mir schon zu Beginn der Verlängerung genommen. Schnell erreichten mich SMSen vom 0:1 und 0:2 und Kommentare dazu, wir würden den deutschen Fußball blamieren, sie sollten einen Spielabbruch provozieren, dass das Ergebnis 0:2 oder 0:3 gewertet wird und es kein Debakel mehr geben kann und vieles mehr.

Mein erster Gedanke war „alles richtig gemacht“. Wir saßen im Meazza auf der Tribüne und „mussten“ uns die Demütigung nicht anschauen, im Gegenteil, wir wurden richtig unterhalten. Nach Ende der Verlängerung machten wir uns aber schnell vom Acker und gingen in eine Pizzeria in unmittelbarer Stadionnähe. In erster Linie konnten wir uns aufwärmen, in zweiter kam dort auch die Europa League Konferenz, u. a. mit dem VfB bei Lazio. Es war die schnellste Konferenzschaltung, die ich je gesehen habe, die Sky Italia ihren Abonnenten bietet. Bei uns kommt es ja vor, wenn auf anderen Plätzen nichts passiert, dass man mal vier oder fünf Minuten bei einem Spiel stehen bleibt und so auch einen Eindruck vom Geschehen gewinnen kann. Die Italiener aber schalten auch bei einem harmlosen Torschuss mal kurz ins andere Stadion und wieder zurück, und bleiben eigentlich nie länger als eine Minute bei einem Spiel. So war es natürlich schwierig dem Geschehen auf den Plätzen konzentriert zu folgen.

Nach dem Zwischenergebnis aus Rom war mir das an diesem Abend aber wirklich scheißegal.

Wie fast immer in der derzeitigen Phase wurden vor dem Spiel große Töne gespuckt. Man würde an sich glauben, wolle alles versuchen, wolle im Spiel Sicherheit gewinnen und nach und nach auch vorne Nadelstiche setzen. Wir haben uns noch nicht aufgegeben, wir wissen, was wir können, wenn wir als Team funktionieren und so weiter und so fort. Ich kann es nicht mehr hören.

Die Tore von Kozak in der 6. und in der 8. Spielminute rissen den VfB früh aus allen Träumen. Bei beiden Treffern nach simplen Diagonalbällen sahen unsere Innenverteidiger alles andere als souverän aus. Im Gegenteil, wie Schulbuben ließen sie sich von den abgezockteren Italienern düpieren. Wenn dann hinterher vom einen oder anderen noch hinaus posaunt wird, man wäre doch gut aus der Kabine gekommen und dass die ersten fünf Minuten ganz passabel waren, da fehlen mir die Worte.

Nach 8 Minuten war das Spiel also gelaufen, die Laziali konnten zwei Gänge herunter schalten und den VfB guten Gewissens kommen lassen, es hat sich schließlich bis nach Rom herumgesprochen, dass es unserem Spiel an Kreativität und Durchschlagskraft mangelt. So lag es auf der Hand, dass der VfB zu mehr Spielanteilen und auch Torabschlüssen kommen werde, mehr als ein Tor von Tamas Hajnal sprang aber auch dabei nicht heraus. Der VfB verabschiedete sich also sang und klanglos aus dem Wettbewerb. Wenigstens waren dieses Mal nicht die Zuschauer schuld.

Hinterher wurde wie üblich dann das positive herausgefiltert, dass das Team Charakter gezeigt habe, sich nicht habe abschlachten lassen, noch einmal alles versucht habe, viel dabei lernen konnte und sich endlich einmal belohnen müsse. Wofür eigentlich?

Ich frage mich, wie viel Streicheleinheiten das Team noch bekommen soll oder ob nicht einmal ein eiserner Besen vonnöten wäre. Wie kann ich überhaupt auf die Idee kommen, ein Spiel zu bewerten, das nach der 8. Minute eigentlich nicht mehr zu bewerten war. Die Römer mussten nichts mehr machen und hätten sicherlich zu jeder Zeit wieder einen Gang zulegen können, wenn es nötig gewesen wäre. Ein Arbeitnehmer im normalen Berufsleben kann es ja einmal versuchen, Montag und Dienstag so viele Böcke zu schießen, dass er Mittwoch bis Freitag damit beschäftigt ist, diese wieder zu bereinigen. Dass sein Chef Freitags dann zu ihm kommt, ihn bei der Hand nimmt und lobt, dass er nicht noch weiteren Mist gebaut hat, bezweifle ich in höchstem Maße.

Aber, nicht jeder Arbeitgeber ist eben wie der VfB. In der Wohlfühloase auf dem Wasen findet sich immer ein Schuldiger für die Verfehlungen seiner Angestellten, zuletzt wurde die zahlende Kundeschaft ausgemacht, Mitschuld an der Krise zu tragen.  Sogar die Zeitung mit den großen Buchstaben titelte „Spielermobbing durch die Fans“. Plötzlich hatten wir den schwarzen Peter, was auch umgehend zu einer Zerreißprobe zwischen den Fans untereinander geführt hat. Darf man eigene Spieler auspfeifen, wenn sie eingewechselt werden sollen, wenn zu befürchten ist, dass diese die Pfiffe, die ja eigentlich eher dem Trainer gelten, persönlich nehmen? Wie sonst kann man seinen Unmut über die Vereinspolitik und die mehr als dürftigen Darbietungen zum Ausdruck bringen, ohne, dass die Spieler sich über mangelnde Unterstützung beklagen müssen? Meiner Meinung helfen die Pfiffe dem Team sicherlich nicht. Daher wäre es für mich wünschenswert, dass diese ausbleiben oder sich nach dem Spiel entladen sollten. Trotzdem sollte man uns Fans auch zugestehen, kundzutun, dass wir mit den Leistungen in dieser Saison überhaupt nicht einverstanden sind.

Dass der Kader für drei Wettbewerbe dünn besetzt ist, die vielen Langzeitverletzten fehlen, vom Vorstand kein Geld für Neuzugänge, die uns weiter bringen, freigesetzt wurde, das sind alles Tatsachen, für die man mildernde Umstände geltend machen kann.

Jedoch wurde das Team, seit Labbadia da ist, nur auf wenigen Positionen verändert. In Anbetracht dieser Tatsache ist wenig Einstudiertes bei den Spielen zu erkennen. Man vermisst eine Spielidee, man vermisst einstudierte Standards, bundesligareifes Abwehrverhalten, schnelles Umschaltspiel und vieles mehr. Dazu weigerte sich Labbadia lange beharrlich Jungs aus dem 3. Liga-Team heranzuführen. Nur durch mit den Profis trainieren ist noch keiner besser geworden. Bereits in der letztjährigen Rückrunde hatte ich mir auf dieser Plattform gewünscht, nicht auf Teufel komm raus die Europa League erreichen zu wollen, sondern lieber im Hinblick auf diese Saison junge Leute zu Einsatzzeiten kommen zu lassen. Wäre dies gemacht worden, hätten wir uns heute sicher leichter getan, den einen oder anderen Ausfall zu kompensieren. Bis heute setzt Labbadia lieber noch einen (erfahrenen) Abwehrspieler auf die Bank, anstatt von der zweiten Mannschaft oder auch von der U19 einen Stürmer zu holen, wenn im Profireservoir keiner mehr vorhanden ist. Dann braucht sich Labbadia allerdings auch nicht über Pfiffe zu beklagen, wenn bei Rückstand ein Abwehrspieler eingewechselt werden soll. Diese gelten dann eindeutig ihm und nicht dem Spieler selbst.

Mir fällt es derzeit schwer, Hoffnung auf Besserung zu haben, wenn nichts Gravierendes geschieht. Der Vorsprung auf den Relegationsplatz ist heute auf fünf Punkte zusammen geschrumpft, sollte morgen in Frankfurt nicht gepunktet werden bleibt es bis nach der Länderspielpause dabei. Die Statements von Labbadia und Bobic erwecken in mir nicht den Eindruck, dass sie sich der großen Abstiegsgefahr bewusst seien.

Mit Leistungen wie zuletzt wird es ganz schwer werden, die zum Klassenverbleib notwendigen ca. 10 Punkte zu holen.

Morgen geht es also zum Aufsteiger Eintracht Frankfurt, die überraschend Vierter sind. Ich wüsste nicht, was mir Hoffnung auf Besserung machen sollte. Klar, es ist ein Auswärtsspiel, wo wir uns zurzeit leichter tun. Bei der Eintracht könnte Unruhe herrschen ob des wohl bevorstehenden Abgangs von Armin Veh zu Schalke 04. Vielleicht ist dem VfB durch den Wegfall der Europa League Kür bewusst geworden, dass die Bundesliga das tägliche Brot ist und hier schleunigst gepunktet werden sollte, vor allem in Anbetracht der kommenden Aufgaben gegen Dortmund und in Hannover.  Andererseits kennt man den VfB in dieser Saison auch schon allzu gut. Es fallen wohl mehrere Stützen verletzt aus, Labbadia wird die, die auflaufen schon klein genug reden, dass sie sich am Ende nichts vorwerfen lassen müssen. Wenn die Leistung zu blamabel werden sollte, gibt es ja noch die Ausrede, dass die Eintracht frischer war, während wir noch die 90 Minuten von Rom in den Beinen hatten. Wobei, eigentlich waren es ja nur 5 Minuten Belastung und 85 Minuten auslaufen!

Schaun wir mal, was uns die Wundertüte VfB in Frankfurt bieten wird. Vor zwei Wochen in Leverkusen wäre ja auch ein, wenn auch glücklicher Sieg, möglich gewesen wäre. Wenn, ja wenn der VfB nach der Führung das nach vorne spielen nicht eingestellt hätte. Ich hoffe, diese Lektion haben sie endlich gelernt, dass wir keine Mannschaft sind, die ein 1:0 mal so eben locker über die Zeit schaukeln kann. Also, in einem solchen Fall, bitte endlich einmal nachlegen.

Oder wird es wie in Rom, noch auf der Suche nach der Klarheit und schon liegt man aussichtslos hinten? Auch nicht auszuschließen, zumal Veh in Frankfurt ein richtig gutes Team zusammengestellt hat.

Vor zwei Jahren war Frankfurt der Wendepunkt. Erst Delpierres Platzverweis, danach ein sensationell haltender Ulle und ein ganz wichtiger 2:0-Sieg. Ich würde mich freuen, wenn es heuer wieder so käme, allein mir fehlt der Glaube.

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