Ein Tag wie gemalt am letzten Freitag. Ich hatte frei, Auftakt Cannstatter Volksfest, herrlichster Sonnenschein und abends dann ein Flutlichtspiel gegen das Schlusslicht Hamburger Sport Verein. Was sollte schon schief gehen, nachdem der VfB mit breiter Brust nach zuletzt zwei Siegen in Folge antreten konnte und der HSV es bis dahin auf ein mickriges Pünktchen gebracht hatte. Der HSV hatte zu Wochenbeginn dem erfolglosen bisherigen Übungsleiter Oenning trotz tags zuvor erklärter Jobgarantie den Laufpass gegeben, was die Spielvorbereitung natürlich erschwerte. Interimsmäßig übernahm Rodolfo Esteban Cardoso den Job an der Linie, welcher sich seine ersten Trainermeriten als Jugend- und Amateurtrainer beim HSV verdiente. Wie erwartet vertraute Cardoso einigen Youngstern, wie etwa Lam, dem er zum Bundesligadebut verhalf. Auch Bruma, Son und Töre durften von Beginn ran.
Der VfB trat zum dritten Mal in Folge mit unveränderter Aufstellung an. Hajnal stand wegen muskulärer Probleme nicht einmal im Kader. Der VfB machte vor 55.700 euphorisierten Zuschauern von Beginn an Dampf und ging folgerichtig nach Torwartfehler von Drobny durch Harnik in Führung. Das Bemühen nachzulegen war dem VfB zunächst anzumerken. Cacau hatte das 2:0 auf dem Fuß, scheiterte aber am Pfosten, den Abpraller jagte Okazaki in den Cannstatter Nachthimmel. Danach war es vorbei mit der VfB-Herrlichkeit. Die Hamburger schöpften neuen Mut und übernahmen mehr und mehr die Initiative. Begünstigt durch die Lässigkeit im VfB-Spiel und durch Fehlpassfestival sondersgleichen trauten sich die Hamburger immer mehr zu und drehten die Partie. Der VfB war ab der 30. Minute an Harm- und Ideenlosigkeit kaum zu überbieten und schenkte dem HSV den ersten Sieg. Das VfB-Problem in diesen Tagen ist u. a., dass die Ersatzspieler zwar eine große Klappe haben und auf Einsatzzeiten pochen, diese aber nicht zu nutzen im Stande sind. Weder ein Gebhart noch ein Pogrebnjak lieferten an diesem Freitagabend Argumente, näher an die Stammformation herangekommen zu sein. Im Gegenteil: Gebhart verhaspelte sich und lief sich in den Gegnern fest, anstatt in einem zerfahrenen Spiel kühlen Kopf und Konzentration an den Tag zu legen. Pobgrebnjak war nach seiner Einwechslung ein Totalausfall, dem nahezu jeder Ball versprang. So ist nach diesem ernüchternden Auftritt guter Rat teuer.
Nach sieben Spieltagen hat es der VfB zu drei Siegen, einem Unentschieden und drei Niederlagen gebracht, was absoluten Durchschnitt darstellt. Man darf allerdings nie vergessen, wo wir hergekommen sind und dass die Zeichen auf eine deutlich entspanntere Saison als der vergangenen hindeuten. Aber eben auch nicht mehr. Dazu fehlt uns schlicht und einfach die Qualität. Es war am Freitag eine schlechte Mannschaftsleistung, wobei einige Spieler noch abfielen. Molinaro zum Beispiel war ein Unsicherheitsfaktor, der von den jungen Hüpfern der Hamburger fast mühelos überlaufen wurde. Gentner ist kein Zehner, er kann sich noch so mühen. Für die Spielmacherposition fehlt ihm einfach die Klasse, die Technik und die Handlungsschnelligkeit. Er sucht des öfteren den Risikopass, den er aber nicht findet und der meist in den Beinen der Gegner landet. So ist es auch nicht verwunderlich, dass sich ihm gegenüber der Unmut der Zuschauer entlädt, auch weil bei ihm alles besonders lässig aussieht. Er mag ein anerkannter Bestandteil und vielleicht auch Stimmungskanone des Teams sein, von seiner Rückkehr haben sich die meisten eben mehr erwartet. Zu guter Letzt möchte ich mich über Cacau auslassen. In den ersten Spielen hatte ich noch den Eindruck, dass er zurück zu alter Stärke fände und das Spiel wieder als Mannschaftssport versteht. Leider war der Freitag bei ihm ein Rückfall in alte Zeiten. Lauffaul und ständig am Reklamieren und das nicht nur gegen die Referees sondern auch gegen die Mitspieler, was ihn isoliert erscheinen lässt. Zudem bringt er momentan keine Leistung, was mich stark auf eine baldige Rückkehr von Julian Schieber hoffen lässt.
Da von der Bank kein Druck gemacht wird, würde ich mir vom Trainerteam mehr Mut zum Risiko wünschen und, sofern die Position von einem Kaderspieler nicht deutlich besser besetzt ist, den ein oder anderen Spieler unserer Reserve zumindest auf die Bank setzen und die Jungs ins kalte Wasser werfen. Die besitzen vielleicht noch ein klein wenig Unbekümmertheit und brennen darauf, sich ins Rampenlicht zu spielen. Im Pokalspiel in Wehen-Wiesbaden zeigte Patrick Bauer doch eine ansprechende Leistung, als wir plötzlich außer ihm keinen Innenverteidiger mehr hatten. Eine solche Maßnahme wäre für die Jungs eine tolle Belohnung für ihre starken Leistungen in der 3. Liga und ein Zeichen, dass sie Anerkennung und Wertschätzung genießen. Es wird sicher auch in diesem Kreis den ein oder anderen geben, der das Zeug zum Durchstarter hat und zwar bevor er, wie bspw. Bernd Leno, beim VfB die Lust verliert und ungeduldig wird.
Das nächste Freitagabendspiel erwartet uns am nächsten Spieltag in Kaiserslautern. Dort gilt es, verlorenes Terrain zurück zu erobern und die Scharte der Heimniederlage auszuwetzen, um mit einem guten Gefühl in die Länderspielpause zu gehen. Allerdings müssen die Jungs dort ernsthafter in die Zweikämpfe gehen als zuletzt und dem unbändigen Kampfeswillen der Pfälzer vor ihrem enthusiastischen Publikum gewachsen sein. Wenn unsere Schönspieler wie Gentner und Cacau auch dort anfangen Hacke, Spitze, eins, zwei drei zu spielen und lamentieren, wenn ihnen jemand auf den Fuß tritt, spielen wir faktisch in Unterzahl und brauchen uns keine Hoffnungen auf einen Auswärtssieg zu machen. Der VfB befindet sich einmal mehr am Scheideweg. Entweder wir schaffen es, Gegner wie Kaiserslautern, die über weniger Mittel und weniger Qualität verfügen, in die Schranken zu weisen und uns tabellarisch von ihnen zu distanzieren oder wir werden von eben solchen Vereinen in den Sog gezogen und zählen die Punkte zum Relegationsplatz.
Wie immer sind wir auch in der Pfalz dabei und werden mit dafür sorgen, dass der VfB mit einer lautstarken Unterstützung rechnen darf. Wie in der letzten Saison habe ich mir beim FCK Karten bestellt und greife somit das VfB-Kontingent nicht an.
Bis dahin sollte auch mein Ärger über die unnötige Niederlage verraucht und mein Optimismus zurückgekehrt sein. In Lautern müssen wir einfach etwas reißen und uns für die bitteren Ergebnisse der Vorsaison revanchieren. Mit der Aufbauhilfe für angeschlagene Teams muss es einfach vorbei sein.
