27. Januar 2012

Richtung weisend!

Nach dem Trainingslager im türkischen Belek, wo das Team konzentriert arbeiten und sich auf die Rückrunde einstimmen konnte, hatte ich große Hoffnungen, dass der Mannschaft der Schlendrian vom Ende der Vorrunde ausgetrieben wurde. Der VfB begann die Saison, vor allem nach dem Abstiegskampf der Vorsaison, mehr als akzeptabel und blieb lange auf Tuchfühlung zu den internationalen Plätzen. Seit Mitte Oktober aber, seit dem Heimsieg gegen Hoffenheim, verfiel das Team wieder in alte Verhaltensmuster und der schleichende Leistungsabfall begann. Der Knackpunkt könnte mal wieder Mainz 05 gewesen sein, wo der VfB nach einer Führung unter gütiger Mithilfe eines Pfeifenmannes unterlag. Seitdem gelang lediglich noch ein mühevoller Arbeitssieg gegen das meiner Meinung nach schwächste Team der Liga, den FC Augsburg. Wurde gegen Köln noch der Sieg verschenkt, gegen die Bayern zu zehnt wenigstens gekämpft, machten mich die Auftritte in Bremen und in Wolfsburg fast sprachlos. Keine Konzentration, keine Kombinationen, keine Laufbereitschaft, keine Spielfreude, keine Handlungsschnelligkeit, kein Miteinander, keine taktische Disziplin, keine Passgenauigkeit, keine Überraschungsmomente, kein Esprit, keine Torgefahr, null Komma nix war zu sehen von all dem, weshalb wir zum Fußball gehen. 

Also, dachte ich mir, neues Jahr, neues Glück, würde die Mannschaft aufgeräumt aus der Pause kommen und bereits auf Schalke ein erstes Zeichen setzen. Mit dem RWS machten wir uns voller Vorfreude, aber dennoch mit einer gewissen Skepsis, auf in den Ruhrpott. Der VfB hatte lediglich einen Winterneuzugang präsentiert, den Japaner Sakai. Gekommen von einem japanischen Zweitligisten, angepriesen, der Außenverteidiger wäre links und rechts gleich stark einsetzbar. Ich hätte mir noch einen (bezahlbaren) kreativen Mittelfeldspieler gewünscht, da mich Hajnal bislang in dieser Saison enttäuscht hat. Er reiht sich ein in die Liste derer, die nach dem Unterzeichnen eines festen Vertrages, stark nachgelassen haben. So gab es in der Startelf in der Veltins-Arena nicht wirklich große Überraschungen. Was mich dennoch von Beginn an stutzig machte, war, dass mit Celozzi und Pogrebnjak zwei Spieler in der Startelf standen, die der VfB lieber heute als morgen los hätte. Dazu  wurde Kuzmanovic aufgeboten, der keinen Hehl daraus macht, dass er, auch lieber heute als morgen, wieder gerne in die Serie A wechseln würde. So stellte sich die Aufstellung wie ein Schaufenster dar. Dann hatte man mit Cacau noch einen Mann auf dem Platz, dem das entzogene Vertrauen der Mannschaft durch die Abwahl aus dem Mannschaftsrat sichtlich zu schaffen macht. Da wir weder beim Trainingslager waren, noch in Stuttgart die Gelegenheit hatten ein Training zu begleiten, vertrauten wir dem Trainerteam und hatten die Hoffnung, dass die elf, die da auf dem Platz standen, alle gut trainiert hätten und das bestmögliche Team darstellen würden. Heute weiß jeder, wie es auf Schalke gelaufen ist. Nach drei Minuten hätten wir im Grunde wieder heimfahren können, durch Unkonzentriertheit bei einer Standardsituation lagen wir bereits zu diesem frühen Zeitpunkt 0:1 zurück. Hätte der Schiri nicht zu Unrecht auf Abseits entschieden, hätte es nach acht Minuten 0:2 geheißen, wer weiß, wie wir dann unter die Räder gekommen wären. So stand es „nur“ 1:3 am Ende, mit dem der VfB gut bedient war. Sämtliche Attribute, die ich oben nannte, passten auch auf dieses Spiel. Ganz, ganz schwach. Schalke konnte sich nach der frühen Führung zurückziehen und auf Konter lauern. Dem VfB fiel dazu überhaupt nichts ein!!! Einziger Lichtblick in meinen Augen, Raphael Holzhauser, der in der 85. Minute zu seinem Bundesligadebut kam und mehr positive Ansätze zeigte als das komplette Mittelfeld in den 85 Minuten davor. 

Nach der anstrengenden Rückfahrt fand ich dann die Zeit, ein paar Ausschnitte vom Spiel und die Stimmen zum selben mir zu Gemüte zu führen und traute dabei meinen Augen und Ohren nicht. Bruno Labbadia faselte davon, wir hätten das Spiel kontrolliert und mehr Ballbesitz gehabt und die Niederlage hätte nur an den Standards gelegen. Nein, entweder ich habe ein anderes Spiel gesehen oder Bruno labert Bullshit. Es wird Zeit, dass jemand die Jungs wachrüttelt, bevor wir wieder auf einem Aufstiegsplatz stehen. Nicht, dass ich falsch verstanden werde. Ich würde es mir wünschen, dass beim VfB Kontinuität einkehrt und Bruno Labbadia länger bei uns bleiben kann als viele seiner Vorgänger. Er hat mich sowohl durch seine Arbeit als auch durch seine Offenheit im Trainingslager beeindruckt und viele Pluspunkte bei mir sammeln können. Aber, nach diesen Auftritten zuletzt, müssen, wie es auch Sven Ulreich sagte, klare Worte gesprochen werden. Mit Leistungen wie zuletzt, auf dem Platz ohne Plan und ohne Spielkultur, spielt man über kurz oder lang das Stadion leer. Ich als Fan ertappe mich derzeit immer öfter, genau so ergebnisorientiert zu denken wie die Verantwortlichen und vergesse fast, dass ein Stadionbesuch auch Freude machen könnte. 

Wo wir beim nächsten Gegner wären: In der letzten Saison haben wir Mönchengladbach, zugegebenermaßen eine andere Borussia als heute, mit 7:0 zurück an den Niederrhein geschickt. In meiner Erinnerung sind auch noch ein 6:0 aus den 80ern und zwei 5:0 aus den 90ern gegen diesen Gegner fest verankert. Es sind eigentlich meist sehr launige Auftritte gegen einen Gegner, der sein Heil meist in der Offensive sucht und vor allem als auswärtsstark galt bzw. gilt. Die Borussia von heute kommt aber anders daher. Ein Gegner, der sich schwer locken lässt, taktisch unheimlich diszipliniert spielt und bei eigenem Ballbesitz blitzschnell ausschwärmt. Es ist wirklich sehr beachtlich, was Favre aus dem So-gut-wie-Absteiger vom Februar 2011 gemacht hat und was man mit taktischer Disziplin bewirken kann und wie Spieler (z. B. Hanke) noch dazu lernen können. Hier ist ganz klar die Handschrift des Trainers zu erkennen, die mir beim VfB momentan fehlt.  Und, wenn ich einen Marco Reus sehe, muss ich zugeben, dass mir bei dem Jungen das Herz aufgeht. Mit welcher Freude und in höchstem Tempo er auf die gegnerischen Abwehrreihen zuläuft und dennoch die Übersicht für den besser positionierten Nebenmann nicht verliert oder auch selbst abschließt. Einfach Klasse! Ich finde es auch gut, dass er nicht zu den Bayern geht sondern sich seinem Heimatclub anschließt. Und, in Gladbach scheint keiner wirklich sauer zu sein, hat er doch mit offenen Karten gespielt und spült jede Menge Euronen in die sonst so klamme Kasse. Es liegt an der Borussia, daraus etwas zu machen. Einen Bigpoint haben die Gladbacher letzten Freitag gegen die Bayern gesetzt und ihnen, wie schon im Hinspiel, den Zahn gezogen. Hinten wenig zugelassen, vorne gnadenlos effektiv! Dem VfB steht also eine schwere Aufgabe bevor. Ich glaube, wenn der VfB genau so pomadig auftritt wie in den letzten Spielen, gibt es nichts zu holen. Es wird auf jeden Fall Konzentration und Geduld gefragt sein. Diese Woche wurde in Ibisevic noch der herbei gesehnte Knipser verpflichtet. Ob er von Beginn an der Heilsbringer ist, wird sich erst noch erweisen müssen, ein schlechter Griff aber ist er meiner Meinung nach nicht. 

Trotzdem bin ich nach wie vor der Meinung, dass uns auch ein Vorlagengeber gut zu Gesicht stehen würde. Für den Sommer ist ja Ibisevic‘ Kumpel Salihovic im Gespräch. Wenn das wahr ist und die Chance bestünde, ihn jetzt schon vom Dorfklub loszueisen, zugreifen bitte. Einen solchen Freistoßschützen hatten wir seit Balakov nicht mehr. Zudem ist er ein Spieler, der auch mal aus 30 Metern schießt, wenn man nicht direkt vors Tor kommt. Allerdings muss er, um für den VfB realistisch zu sein, große Abstriche in puncto Gehalt in Kauf nehmen. Ich kann mich noch gut erinnern, als Uli Hoeneß einmal ausplauderte, dass Salihovic in Hoffenheim mehr verdienen würde, als die Bayern ihm bezahlen wollten, was ja etwas heißen mag! Aber, die Zeiten haben sich auch in den letzten zwei, drei Jahren geändert. Immer mehr Vereine rücken ab von den immensen Gehaltszahlungen und kehren zur Vernunft zurück. Ausgenommen die Bayern, die über ein üppig ausgestattetes Festgeldkonto verfügen und die Wolfsburger, die sich an die „Erfolgsformel“ von 2009 zu erinnern scheinen, nämlich dass von 100 verpflichteten Spielern die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass elf davon unfallfrei geradeaus laufen können. Außer bei diesen beiden Vereinen ist auf dem Transfermarkt große Zurückhaltung zu spüren, wobei die Bayern ja „nur“ im Sommer auf großer Einkaufstour waren. Wenn in absehbarer Zeit endlich auch international das Financial Fairplay konsequent umgesetzt wird, wird sich das solide Wirtschaften der Bundesligavereine auszahlen und wir können womöglich den einen oder anderen (Welt-)Star mehr bewundern. 

Den derzeitigen Konsolidierungskurs vom VfB trage ich jedenfalls voll mit. Nach wie vor hat Fredi Bobic am Erbe von Horst Heldt zu knabbern, der zu Champions League Zeiten Durchschnittskicker mit Wahnsinnsverträgen ausstattete. Ich trage auch voll mit, wenn Spieler an zusätzlichen Einnahmen partizipieren, allerdings nur so lang, wie diese fließen und nicht noch zwei, drei Jahre danach. Diesen Sommer laufen viele dieser Verträge aus, die dem Verein fast die Luft zum atmen nehmen. Erst danach wird auch die Arbeit von Fredi Bobic besser beurteilt werden können und erst dann kann er uns davon überzeugen, dass der Stuttgarter Weg nicht zwangsläufig nur mit sparen, kleineren Brötchen backen und mit schleichendem Absturz zu tun hat. Dann wird sich auch zeigen, ob es Labbadia sich traut, den ein oder anderen jungen Spieler einzubauen oder zumindest als ersten Backup auf die Bank zu setzen. Die Bauers, Hemleins und Holzhausers sind doch mit Eifer dabei und motiviert, wenn sie denn mal die Chance bekommen. Auch einen Kevin Stöger, der in der Vorrunde leider von einer schweren Verletzung zurückgeworfen wurde, würde ich sehr gerne einmal auf der Hajnal-Position sehen. Hier wächst etwas heran, dem man auch einmal die Möglichkeit geben muss, zu gedeihen, bevor die Jungs die Geduld verlieren, wie Leno oder auch Ermin Bicakcic. Doch dies ist Zukunfsmusik! Erst einmal zählt das Hier und Jetzt und das heißt Mission Klassenerhalt Reloaded! 

Womit wir beim Titel dieses Beitrags wären. Richtung weisend! Quo Vadis VfB? Die Abstiegsränge sind durch die Niederlage auf Schalke wieder bedrohlich nahe gekommen. Eine Heimniederlage gegen Mönchengladbach und das große Zittern würde wieder von vorn beginnen. Danach geht es nach Leverkusen und im Pokal zu Hause gegen die Bayern bevor Angstgegner Hertha BSC ins Neckarstadion kommt. Bei diesem Programm kann es einem Angst und bange werden, so wie sich die Mannschaft in letzter Zeit präsentiert hat. Es ist aber für unser Team auch die Gelegenheit ein oder mehrere Ausrufezeichen zu setzen und die Abstiegsdiskussion im Keim zu ersticken. Angefangen werden sollte damit am besten schon am Sonntag, gegen einen unserer Lieblingsgegner Borussia Mönchengladbach. Die Gladbacher warten seit 1994 auf einen Auswärtssieg beim VfB und müssen sich hoffentlich noch weiter gedulden. Der VfB muss es einfach jetzt packen, in ruhigeres Fahrwasser zu gelangen, um den Umbruch im Team möglicherweise schon am Ende der Rückrunde einleiten zu können. Das Spiel gegen Gladbach wird uns die Tendenz aufzeigen und uns klar machen, ob der Auftritt auf Schalke ein negativer Ausrutscher oder ein Fingerzeig auf die uns bevorstehende Rückrunde war.

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