Nach dem überaus gelungenen Auftakt in ein schönes Fußball-Wochenende in Halle, machten wir uns schnurstracks auf den Weg in die Freie und Hansestadt Hamburg. Die Straßen waren an diesem Samstagnachmittag bzw. -abend erfreulich frei, so dass wir ohne nennenswerte Beeinträchtigungen Hamburg erreichten. Lediglich in der Hamburger Innenstadt verloren wir noch knapp eine halbe Stunde, da, analog zu Stuttgart, rund um den Hauptbahnhof das Baufieber ausgebrochen zu sein scheint und die kurzen Ampelphasen ein zügiges Vorankommen verhinderten. Dennoch lagen wir gut in der Zeit und konnten unser Domizil unweit des Hauptbahnhofes und nahe an der Alster gelegen gegen 20.30 Uhr schon wieder verlassen und uns in Getümmel auf dem Hamburger Kiez stürzen.
Am Sonntagmorgen gegen 11 Uhr machten wir uns dann auf, bereits in voller (VfB-) Montur, um nicht mehr ins Hotel zurück zu müssen. Unser erster Weg führte uns zum Mannschaftshotel an der Außenalster, etwa 200 Meter von unserem Hotel entfernt gelegen, um nachzusehen, ob denn die Mannschaft auch gut angekommen ist. Der Bus stand jedenfalls da, es war aber zunächst weit und breit niemand zu sehen, so dass wir der Alster entlang in die Innenstadt spazieren wollten. Just in diesem Moment sahen wir dann von weitem doch noch eine Horde sportlicher junger Männer in weiß-roten Trainingsanzügen, so dass wir noch einmal kurz umkehrten. Diese verschwanden dann allerdings schnell im Hotel. Lediglich Trainer Bruno Labbadia ließ sich ein „Guten Morgen, schön, dass ihr da seid“ entlocken, William Kvist parlierte noch ein wenig mit einem dänischen Radfahrer, der Rest des Trosses freute sich anscheinend schon aufs nahende Mittagessen. Wir wollten die Jungs natürlich auch nicht in ihrer Konzentration stören und aufdringlich erscheinen, weshalb wir nach ein, zwei Erinnerungsfotos der Außen- und Binnenalster entlang in Richtung Hamburger Innenstadt gingen und uns schließlich entschlossen (jetzt schon) mit der U-Bahn nach St- Pauli zu fahren.
Dort wollten wir noch einen Kaffee trinken und uns langsam auf das bevorstehende Spiel einstimmen. Es war auch zu erwarten, dass sich die VfB-Fans, die schon in der Stadt waren, dort treffen würden. Wir nahmen schließlich in der Hamburger Alm, einem auf bayerisch getrimmten und neben dem Herzblut St. Pauli gelegenen Lokal, draußen Platz und waren überrascht, welch herrlichen Sonnenschein uns dieser SONNtag noch bescherte, war doch laut Videotext eher trübes Wetter für Hamburg gemeldet. Nach einem Cappuccino und einem Blick auf die Uhr, stellte ich fest, dass es langsam an der Zeit wäre, zu testen, wie das erste Astra schmecken würde. Wie erwartet, mundete es sehr, so dass wir an diesem Ort, wohin wir kurze Zeit später noch einen Freund hin dirigierten, bis zur Abfahrt nach Stellingen verweilten.
Gegen 15.45 Uhr nahmen wir also von der Reeperbahn aus die S-Bahn nach Stellingen und von dort aus einen der Shuttle-Busse zum Hamburger Volksparkstadion. Die Busse halten zwischen Stadion und O2-World. Zum Gästeeingang muss man dann noch um das halbe Stadion laufen. Dort angekommen orientierten wir uns zunächst einmal und schauten, wer denn, trotz der ungünstigen Terminierung, den Weg nach Hamburg gefunden hat. Da wir Sitzplatzkarten hatten, waren wir auch nicht besonders in Eile hinein zu kommen.
Hamburg ist schon seit eh und je eines meiner Lieblingsauswärtsspiele. Zum einen ist es meine Lieblingsstadt mit der weltoffenen, aber auch hanseatisch unterkühlten Art. Eine Weltstadt mit Herz, dem Hamburger Hafen als Tor zur Welt, wunderschönen aber auch verruchten Ecken. Eine Vielfalt und Schönheit, die Ihresgleichen sucht. Dazu gehört natürlich auch St. Pauli mit meinem zweitliebsten Verein, wo ich Freunde habe, die uns natürlich immer besonders die Daumen drücken, wenn es gegen die Rauten geht. Wo ein ganzer Stadtteil, einschließlich der Kiez-Beschäftigten eine Identifikation mit dem dort ansässigen FC St. Pauli hegt und pflegt, die mich jedes Mal aufs Neue fasziniert. Mittlerweile bin ich zwischen vier und fünf Mal im Jahr in Hamburg und bekomme einfach nicht genug davon.
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Auch das Stadion gefällt mir gut. Natürlich kein Vergleich mehr zum alten Volksparkstadion, als man von jedem Auswärtsspiel mit einer fetten Erkältung heim kam, weil es im weiten Rund extremst gezogen hat. Man ist jetzt, wie fast überall, sehr nah dran, kann innerhalb des Stadions fast rundherum laufen und man bekommt im Regelfall für Bargeld Vollbier, wo ja sowohl das eine, als auch das andere heutzutage leider nicht mehr selbstverständlich ist.
Gut 1.600 VfB-Fans fanden trotz des Spieltermins am Sonntagabend den Weg ins Stadion. Ich kann mich noch gut erinnern, als die DFL davon sprach, sonntags nur Teams gegeneinander antreten zu lassen, die bis zu 300km voneinander entfernt sind. Nun, wie schon in Bremen, war die Entfernung doppelt so weit und ohne Urlaub kaum zu schaffen. Wie bei so vielen Themen, interessiert die hohen Herren bei DFB und DFL aber ihr Geschwätz von gestern nicht mehr, viel mehr, werden den Fans immer höhere Hürden aufgestellt. Sollten die Kernpunkte aus dem Papier „Sicheres Stadionerlebnis“ in die Tat umgesetzt werden, ohne die Fans mit einzubeziehen, sehe ich uns auf eine noch nie dagewesene Eskalation zusteuern. Es sind fraglos Probleme vorhanden, die es zu lösen gilt und worüber die Fanvertreter auch bereit sind, mit zu diskutieren. Will man aber wegen vereinzelter Hohlköpfe ganze Fangruppen kollektiv bestrafen und Eingangskontrollen außerhalb der Menschenwürde einführen, wird das Ende der Fankultur eingeläutet und wir steuern auf englische Verhältnisse zu. Die Probleme würden mit Sicherheit nicht gelöst sondern nur auf andere Schauplätze und/ oder untere Ligen verlagert. Legislative, Exekutive und Judikative sollten sich hier auf ihre Kernaufgaben zurück besinnen und Straftaten oder Fehlverhalten aufklären, anstatt es sich einfach zu machen und ganze Fanlager vorzuverurteilen und in Sippenhaft zu nehmen. Ein Verein nach dem Anderen lehnt das Papier ja mittlerweile ab oder zieht sich wegen der Vorverurteilungen aus der Kommission zurück. Bundesweit finden Aktionen statt und werden Banner gezeigt mit dem Credo „Fick Dich DFB/ DFL“. In den Farben getrennt, in der Sache vereint!
Eine Aktion in diese Richtung habe ich am Sonntag von den HSV-Fans nicht gesehen, stattdessen hielten sie ein uns Stuttgarter beleidigendes Transparent in die Höhe, welches an geistiger Unreife schwer zu überbieten war. Ich denke, es liegt auf der Hand, wer NACH dem Spiel zu schlucken hatte…
Der VfB trat nach der Länderspielpause wieder mit Tasci für Maza, ansonsten mit der gleichen Formation wie gegen Leverkusen an, also auch, zum dritten Mal in Folge, mit Raphael Holzhauser in der Anfangsformation. Ich bin mir nach wie vor nicht sicher, ob dessen Berufung dem öffentlichen Druck oder der inneren Überzeugung von Bruno Labbadia geschuldet ist. Seine Leistungen jedenfalls machen mir eines deutlich: man darf die Jungs auf keinen Fall nur nach ihren Leistungen bei der zweiten Mannschaft beurteilen, wo ich auch Holzhauser oft nicht als herausragend gesehen habe. Die 3. Liga ist die unterste Profiklasse, eine Liga, in der meist 12-15 Mannschaften im Abstiegskampf stecken. In der ambitionierte Ex-Profivereine mit ausgebufften und hart zur Sache gehenden Recken antreten, wo es ganz schwer ist, als technisch beschlagener, aber noch nicht so robuster Bursche, sich durchzusetzen.
Holzhauser übernimmt im Profiteam auf Anhieb die kreative Führungsrolle, ist technisch beschlagen und führt schon jetzt so gut wie jeden Standard aus. Ein Hitzkopf, der immer top motiviert und voll bei der Sache ist und Alternativen wie Kuzmanovic oder Hajnal komplett vergessen macht. Durch seine technische Beschlagenheit gleicht er Schnelligkeits- und Spritzigkeitsdefizite, die ihm oft vorgeworfen wurden, mehr als aus. Die Ausführungen Labbadias in seiner „Am Arsch geleckt-„ Wutrede konnte ich insofern nicht nachvollziehen, da er ihn lange nicht berücksichtigt hat. Schon in der letzten Rückrunde, bspw. bei seiner Einwechslung im schon verlorenen Auswärtsspiel auf Schalke, hatte man erkennen können, dass der Junge Spielkultur rein bringt. Anstatt mit aller Macht in den internationalen Wettbewerb zu drängen, den man jetzt dabei ist, sang- und klanglos abzuschenken, hätte man schon in der Rückrunde den ein oder anderen jungen Spieler heranführen können, um die Früchte in dieser Runde zu ernten. Vielleicht wäre es dann auch gelungen, für Kuzmanovic im Sommer noch eine Ablöse zu generieren, wenn man ihm verdeutlicht hätte, dass die Tür zurück ins Team für ihn geschlossen ist. Ein Verein wie der VfB darf es sich einfach nicht leisten, einen solch teuren Spieler ablösefrei ziehen zu lassen, das schon gar nicht, wenn er keine Rolle mehr spielt. Für mich ein ganz ärgerlicher Managementfehler!
Zum Glück wurde Holzhauser nicht verliehen. Eine Leihe ist sicherlich die Möglichkeit, einem vielversprechenden Talent die Möglichkeit einzuräumen, woanders Spielpraxis zu erlangen. Für mich ein probates Mittel, wenn man ein Luxusproblem hat, dass ein Spieler an einem gestandenen Leistungsträger nicht vorbei kommt, ein Los, das früher z. B. Lisztes hinter Balakov hatte. So sind wir aber leider derzeit nicht aufgestellt. Es stechen wenige aus der ersten Elf hervor, die unersetzbar erscheinen, weshalb es für die jungen Spieler umso frustrierender sein muss, wenn sie nicht berücksichtigt werden. Dann birgt eine Leihe auch die Gefahr, dass die Spieler mit dem VfB abschließen und sich dem aufnehmenden Club anschließen wollen, siehe Schieber, siehe zunächst auch Didavi.
In Hamburg jedenfalls machte Holzhauser abermals ein gutes Spiel und schrammte nur haarscharf an seinem ersten Bundesligator vorbei. Bei seiner Auswechslung in der 80. Minute vernahm ich keine Pfiffe, sondern nur begeisterten Applaus.
Zum Spielverlauf muss ich eigentlich nicht die Chronologie der Chancen und der vielen Up’s und wenigen Down’s auflisten.
Der VfB gewann durch ein schön herausgespieltes Tor aus der 30. Minute von Ibisevic nach Hereingabe von Martin Harnik mit 1:0. Für mich war es die beste Saisonleistung vom VfB. Das Kollektiv hat gut zusammengearbeitet, sowohl nach vorne als auch nach hinten. Kvist, der angeschlagen von der Länderspielreise zurück kam, machte ein überragendes Spiel und nahm den Hamburger Spielmacher, von dessen Leistung das Wohl und Wehe des HSV maßgeblich abhängt, fast vollständig aus dem Spiel. Wenn die Hamburger mal unsere dieses Mal bärenstarke Innenverteidigung überwanden, war Sven Ulreich zur Stelle. Auf der Gegenseite konnte der VfB ein ums andere Mal Nadelstiche setzen, war stets präsent und gab das Heft des Handelns während der gesamten 90 Minuten nicht aus der Hand. Was mir dieses Mal sehr gefiel, war, wie konzentriert das Team zur Sache ging und wie wenige leichtfertige Ballverluste dieses Mal zu beklagen waren. Da wurde ein ums andere Mal der Ball in Richtung Seitenaus oder Tribüne gedroschen, anstatt auch nur einen Funken Risiko einzugehen. Es war also wenig, was wir dem HSV angeboten hätten. Und, da die Schaltzentrale aus dem Spiel genommen wurde, fiel den Hausherren nicht sonderlich viel ein. Im Grunde also ein sicherer Erfolg, auch wenn so ein 0:1 die Nerven bis zum zerbersten anspannt. Bei einem vom Kicker ausgewiesenen Chancenverhältnis von 3:10 hätte man uns die Beruhigungspille in Form des zweiten Tores gerne frühzeitig verabreichen dürfen. Einzig die fahrige Chancenverwertung war also zu beklagen, ansonsten konnten wir mit dem Auftritt rundum zufrieden sein. Und, René Adler auf dem Weg zurück zu alter Stärke, bewahrte die Hanseaten vor dem frühzeitigen Knock-Out. Als die Hamburger aber auch in 93 Minuten das Stuttgarter Bollwerk nicht überwinden konnten, war der zweite Saisonsieg des VfB und der zweite Auswärtssieg beim HSV in Folge perfekt. Dieser Pfiff zauberte mir ein Grinsen ins Gesicht, das ich den ganzen Abend nicht mehr verlieren sollte, so gut hat dieser Auftritt und die volle Punkteausbeute getan. Das war ein Auftritt, der Lust auf mehr macht. Der VfB zeigt immer wieder in Nuancen zu was er imstande ist. Schön wäre es jetzt, Konstanz in den Laden zu bekommen und eine solch konzentrierte Leistung auch gegen Kopenhagen und Frankfurt auf den Rasen zu bekommen und endlich den ersten Heimsieg einzufahren.
Im Stadion traf ich dann nach Ewigkeiten mal wieder meinen Vetter, worauf wir feststellten, dass wir mit einigen des Hamburger VfB-Fanclubs „Roter Brustring Hamburg“ gemeinsame Bekannte haben, mit denen wir den Sieg dann noch standesgemäß begossen.
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