30. Oktober 2014

Gefühlschaos in Frankfurt

Category: Frankys Blogs — Tags: , , , , , , , – Franky @ 20:33

Nach der überragenden Aufholjagd gegen Leverkusen und dem Wissen darüber, doch noch Torgefährlichkeit und Esprit entwickeln zu können und dabei sogar auch noch Buden zu machen, ging es eine Woche später ins Frankfurter Waldstadion.
Das Waldstadion ist eines dieser Stadien, das durch die Umbauten zur WM 2006 in ein reines Fußballstadion um einiges schöner geworden ist. Dort fahre ich immer gern hin, genügend Gastronomie drum herum und kurze Wege vom Busparkplatz zum Gästebereich.
Nach einigen kleineren und größeren Scharmützeln mit den Frankfurtern in der Vergangenheit, könnte man annehmen, das Spiel würde zum Hochsicherheitsspiel erklärt und die beiden Fanlager würden strikt getrennt werden. Nichts von alledem: kaum aus dem Busparkplatz raus, schon kreuzen sich die Wege zwischen Eintrachtlern und VfBlern. Selbst der Gästebereich im Stadion ist nicht strikt von den Frankfurter Fans in unserer Kurve und denen auf der Gegengerade getrennt. Ganz zu schweigen von den Imbiss- und Getränkebuden direkt vor dem Stadioneingang, wo sich die Fans gemeinsam auf das Spiel einstimmen.
Wie jedes Mal, wenn ich auswärts fahre, sind zwar meine sämtlichen Antennen ausgefahren, Ärger hatte ich in Frankfurt aber schon lange nicht mehr. Früher gab es das eine oder andere Spiel, als Frankfurter „Fans“ den Schwaben im Wald auflauerten und man am besten zusah, dass man Land gewinnt, diese Zeiten aber sind schon lange vorbei. Genauso im Übrigen wie jene aus den 80er-Jahren, als eine intensive Fanfreundschaft mit der Eintracht gelebt und gepflegt wurde. Spätestens aber 1992, als wir der Eintracht die sicher geglaubte Meisterschale in der 86. Minute des letzten Spieltags noch entrissen haben, spätestens seit dem war es vorbei mit der Freundschafts-Herrlichkeit.
Wir lagen mit dem Bus einmal mehr super in der Zeit, so dass es noch ein paar Kaltgetränke am Bus reichte, bevor wir uns in Richtung Stadion begaben. Schnell die Einlasskontrollen passiert, wie erwartet ohne Probleme. Frankfurt ist eines der ganz wenigen Stadien, das in seiner Stadionordnung überhaupt keine Restriktion bezüglich der Fotoausrüstung aufgeführt hat, so dass hier mit keinen dummen Fragen und kritischen Blicken zu rechnen war. Da diese Prozedur so schnell vonstattenging, reichte es noch ein „Schnelles“, während immer mehr Bekannte auftauchten und man sich über das zu erwartende Spiel austauschen konnte. Tenor war, Leverkusen muss Auftrieb geben, Frankfurt ein gutes Pflaster, Veh kennt die Eintracht, also, was sollte eigentlich schief gehen?
Mein Präsident vom Fanclub machte es möglich, Oberrang, Reihe 1, Platz 1, wie von mir gewünscht. So konnte ich direkt auf unseren Block fotografieren, diesen zwar von hinten, habe aber natürlich niemanden vor mir und somit freien Blick auf Block und Spielfeld. In manch einem Stadion bin ich mit dieser Denke zwar schon hereingefallen und saß direkt hinter einer fetten zerkratzten Plexiglasscheibe, in Frankfurt wusste ich aber, dass es dort keine gibt. Platz 1 auch immer gut, zumindest, wenn die Nummern aufsteigend und nicht absteigend in den Block gehen. Meinem Präsi, der sich immerhin um die Belange von weit über 900 Mitgliedern kümmern muss, gehe ich mit diesen Extrawünschen zwar das eine oder andere Mal auf den Sack, andererseits, wenn ich mir schon eine teure Karte leiste, sollte diese auch einen Mehrwert mit sich bringen, sonst könnte ich gleich in den Stehbereich gehen.
Wie jedes Mal, wenn ich die Stufen hinaufsteige und sich vor mir das Stadioninnere mit seinen voll besetzten Tribünen entfaltet, setzt das besondere Kribbeln ein, das ein Couch-Fußballfan einfach überhaupt nicht nachempfinden kann. Besonders geil ist es dann, wenn, wie am Samstag ein zahlenmäßig beachtlicher Auswärts-Mob aufgeboten wird. Gut 4.000 Schwaben fanden den Weg nach Frankfurt. Natürlich ist die Begegnung mit der Eintracht immer auch ein Spiel, wo Leute hinfahren, die sonst eher selten auswärts anzutreffen sind. Für einen Trip in die Mainmetropole spricht die Stadt, reine Männer-Ausflügler zieht es meist in die weltberühmte Kaiserstraße – die Entfernung und dass man in Frankfurt generell gut Party machen kann, tun ihr Übriges.
Bei solchen Spielen ist die Anzahl derer dann, denen die Tour wichtiger als das Spiel ist, natürlich extrem hoch. So kann es schon mal vorkommen, dass man über die eine oder andere Alkoholleiche stolpert und Leute den Stadionsitz dazu nutzen, Schlaf nachzuholen. Das sind Begleiterscheinungen, die man so hinnehmen muss. Mir ist es eigentlich in all den Jahren noch nie passiert, dass ich von einem Spiel nichts mehr mitbekam, aber, so hat eben jeder seine eigenen Prioritäten.
Zur besten Fußball-Zeit, Samstag 15:30 Uhr, ging es hinein ins Spiel. Der VfB im Vergleich zum Leverkusen-Spiel gleich auf vier Positionen verändert. Bei Vedad Ibisevic wurde ein sich anbahnender Ermüdungsbruch im Fuß festgestellt, weshalb ihm absolutes Sportverbot auferlegt wurde. Heutzutage gibt es Verletzungen, die es zu meiner aktiven Zeit einfach noch nicht gab. Da hat man gespielt, bis eben etwas „gefatzt“ ist. Aber, sei’s drum, gute Besserung, Vedad. Er wird voraussichtlich bis Jahresende ausfallen, so dass es nun gilt diesen „schweren Verlust“ zu kompensieren. Ich bin mir relativ sicher, dass es uns gelingen wird, einen Ersatz aufzubieten, der mehr als das eine Tor zustande bringen wird, mit dem Ibisevic im Kalenderjahr 2014 „glänzte“.
Zudem steigen von nun an die Chancen, dass wir auch tatsächlich zu elft spielen. Vedad gab doch in diesem Jahr vorne nur noch den Alleinunterhalter, hat so gut wie nicht am Spiel teilgenommen und fiel nur dadurch auf, dass er die ohnehin wenigen Angriffe jäh beendete, in dem er sich entweder fallen ließ oder selbst foulte. Durch sein ständiges Lamentieren und Reklamieren ist er bei den Schiedsrichtern unten durch und immer für eine Karte oder sogar eine Tätlichkeit gut. So gesehen, denke ich, schwächt uns diese Verletzung nicht wirklich. Die einzige Frage, die sich in dem Zusammenhang stellt, ist höchstens die, wie man sich einen Ermüdungsbruch zuziehen kann, wenn man weitestgehend herumsteht. Das wiederum fällt in das Fachgebiet der Ärzte, die ihm diese Pause verordneten.
Für mich sieht es eher wie eine Schutzsperre aus, man zieht ihn eben aus dem Verkehr. Sollte an der oft kolportierten vertraglich zugesicherten Stammplatzgarantie etwas dran sein, wäre dies zumindest eine Möglichkeit, den Weg für eine andere Spielphilosophie freizumachen. Der klassische Mittelstürmer hat langsam ausgedient, bei der WM war es so zu beobachten, unser Ex-Manager aber hat noch schnell den Vertrag, zu verbesserten Konditionen versteht sich, verlängert. Das versteht außer ihm wohl keiner!
Auch Leitner musste verletzt passen, zudem blieben Werner und Rüdiger zunächst einmal auf der Bank. Stattdessen rückte Harnik an Stelle von Ibisevic in die Sturmspitze, Maxim und Kostic, die gegen Leverkusen frischen Schwung brachten, rückten ebenso ins Team wie Sakai, der noch gegen Leverkusen nach seinen Länderspielstrapazen auf der Bank Platz nehmen musste.
Die größte Überraschung aber war, dass Sercan Sararer in der Startformation stand. Jener Sararer, der vor der Saison zusammen mit Raphael Holzhauser zu den Amateuren verbannt wurde, weil Armin Veh mit einem kleineren Kreis von Spielern arbeiten wollte. Jener Sararer, der in der letzten Saison kein einziges Spiel von Beginn an bestreiten durfte kam wie Phönix aus der Asche und veranstaltete einen ordentlichen Wirbel.
Sein gutes Spiel überraschte mich nicht. Schon beim Trainingslager im Zillertal hatte ich den Eindruck, es könnte seine Saison werden. Zwar war schon damals festzustellen, dass er (noch) nicht Vehs erste Wahl war, doch, jedes Mal, wenn er eingewechselt wurde, probierte er einiges und bestach durch seine Technik und auch den Willen noch etwas im Spiel zu bewegen. Daher dachte ich eigentlich, erst recht nach der Leihe von Marco Rojas zu Fürth, dass er erster Backup für Martin Harnik auf rechts werden könnte. Ich fand es äußerst schade, dass er, zu dem Zeitpunkt als Harnik schwächelte und auf der Bank saß, schon zu den Amas degradiert war, wer weiß, vielleicht wäre schon da seine Zeit gekommen. So aber fand ich es sehr mutig von Veh, ihn zurückzuholen und ihn auf Anhieb auch ins kalte Wasser zu werfen.
Das gefällt mir an Armin Veh, es kann sich keiner sicher fühlen und auf der anderen Seite bekommt jeder eine Chance, der sich aufdrängt. So entstehen automatisch Anreize, Gas zu geben und sich nicht auf vergangenen Lorbeeren auszuruhen.
Waren die Formationen in den letzten Jahren eher als starr zu bezeichnen, überrascht uns (und die Gegner) Veh im Herbst 2014 Woche für Woche aufs Neue. Ich bin mir nach wie vor sicher, dass es Armin Veh in seiner zweiten Amtsperiode schaffen wird, dem VfB seinen Stempel aufzudrücken und er uns aus der Talsohle herausführen wird.
Wer gedacht hatte, eine emotionale Steigerung zu Leverkusen wäre nicht möglich, wurde am Samstag eines Besseren belehrt. 1:0, 1:1, 1:2, 1:3, 2:3, 3:3, 4:3, 4:4, 4:5!!!!! Ein Wahnsinn, der den knapp 50.000 in einem denkwürdigen Spiel geboten wurde. Selbst ich als vergleichsweise alter Hase kann mich an ein solches Spiel mit diesen ständigen Führungswechseln nicht erinnern. Ein Gefühlschaos sondersgleichen. Zuversicht, Ernüchterung, Jubel, Jubel, Jubel, Erleichterung, leichtes Schlucken, wieder Ernüchterung, Entsetzen, Hoffnung bis schließlich zum kollektiven Ausflippen beim Siegtreffer sowie beim Schlusspfiff. Doch, von Anfang an:
Der VfB kam sehr gut ins Spiel, überbrückte das Mittelfeld variabel, durch die permanenten Positionswechsel von Kostic, Maxim und Sararer spielte der VfB die Frankfurter schon zu Beginn schwindelig.
Schnell kam der VfB zu seinen ersten Chancen, war aber im Abschluss (noch) zu fahrig. Dann kam es, wie so oft in den letzten Jahren. Erste Ecke der Eintracht, erster Torschuss und schon lagen wir zurück. Klein verlängerte die Ecke unglücklich an den langen Pfosten, wo Seferovic erst die Latte traf und schließlich Madlung zum 1:0 abstauben konnte. Der VfB aber, gestählt von der Aufholjagd gegen Leverkusen, ließ sich nicht beirren und übernahm sofort wieder das Kommando.
Sararer und Kostic hatten gute Einschussgelegenheiten, ehe Harnik in der 34. Minute endlich den Bann brach. Etwas glücklich und mit „Bande“ von Romeu stark abseitsverdächtig angespielt, schob er die Kugel an Wiedwald vorbei in die Maschen. Ich gebe es zu, komisch sah das schon aus, da sich selbst die Schiedsrichterkoryphäen Merk und Fandel nicht einig darüber sind, ob es abseits war oder nicht, braucht man schon einmal dem Schiri keinen Vorwurf machen und wir brauchen uns ob des Tores nicht zu entschuldigen.
Der vielumjubelte Ausgleich war da, das Ergebnis auf null gestellt, was mir die vermeintliche Gelegenheit eröffnete, beruhigt die Toilette aufzusuchen. Denkste, kaum hatte ich mit der natürlichen Bierentsorgung begonnen, brandete erneut Jubel auf. Da die Akustik in einem Stadion nicht immer Rückschlüsse zulässt, auf welcher Seite das Tor gefallen war, wartete ich zunächst einmal ab, ob die Frankfurter Torhymne abgespielt werden würde, ehe ich mir sicher sein konnte, ob wir führen.
Das wäre mir aber spätestens dann klar gewesen, als ein mir nicht bekannter VfBler hereinkam und mich fast umriss vor lauter Freude, zum Glück war ich in diesem Moment schon so gut wie fertig!
Danach brachte der VfB die Führung relativ locker in die Halbzeit, so dass die Halbzeitanalyse am Bierstand zwar zufrieden ausfiel, wir uns aber alle einig waren, dass das Spiel eigentlich schon entschieden sein müsste und wir tunlichst den vermeintlichen Todesstoß mit einem 3:1 setzen müssten. Gesagt, getan! Gute fünf Minuten nach Wiederbeginn, der VfB stürmte nun in Richtung VfB-Block, erzielte Gentner mit einem tollen Schlenzer nach Doppelpass mit Maxim das 3:1. Ein wunderschönes Tor meines „speziellen Freundes“, das Ding war durch, zumal Sararer in der 56. Minute das 1:4 auf dem Fuß hatte. Der VfB zelebrierte den Fußball wie schon lang nicht mehr, was sollte da noch schief gehen.
Einiges! Eine Minute später kam Frankfurt zum Anschlusstreffer, acht Minuten später führte die Eintracht 4:3. Vor dem 3:3 wollte Veh noch auf den Halbzeitwechsel der Eintracht, als Aigner gekommen war, reagieren und Rüdiger zur Stabilisation einwechseln. Zu spät, just dieser Aigner ließ unsere „Abwehr“ wie Slalomstangen stehen und markierte das 3:3.
Da auch noch Kirschbaum patzte und Madlungs Kopfball unter seinem Körper hindurchrutschte, war das Unfassbare eingetreten. Binnen acht Minuten einen Zweitorevorsprung verspielt, wo gibt’s denn sowas?
Die Eintracht obenauf, wir VfB-Fans verstanden die Welt nicht mehr. Zum Glück stand am Samstag eine Mannschaft auf dem Platz, die das Siegergen eingeimpft hatte und sich dagegen stemmte, sich die Butter vom Brot nehmen zu lassen. Nach schönem Pass von Schorsch Niedermeier in den Lauf des eingewechselten Timo Werner, vollendete dieser gekonnt zum 4:4. Auch hier sah der Torwart nach meinem dafürhalten nicht gut aus. Sei’s drum, pari, was die Torwartfehler anging. Aber auch noch das 5:4 ging auf die Kappe des Trapp-Vertreters Wiedwald, als er eine Freistoßflanke von Kostic direkt vor die Füße von Gentner abklatschte und dieser zum 4:5 abstaubte.
Doppeltorschütze Gentner, der schon beim legendären 4:4 in Dortmund das letzte Tor erzielte. Spiele, die sich zu solchen ohne taktische Zwänge entwickelt haben, scheinen ihm also besonders zu liegen.
Sechs Minuten plus Nachspielzeit mussten noch überstanden werden, um den hochverdienten Sieg auch tatsächlich feiern zu können. Die rote Karte für Seferovic nahm ich im Stadion ehrlich gesagt überhaupt nicht richtig wahr, doch auch zu zehnt wäre der Eintracht in der 91. Minute fast noch das 5:5 geglückt. Hlousek stoppte Aigner in letzter Sekunde rüde, ich denke, über einen Elfmeterpfiff hätten wir uns nicht beklagen dürfen.
Nach fünf Minuten Nachspielzeit war endlich Schluss, der VfB durfte seinen ersten Auswärtssieg seit dem November 2013 feiern. Sicherlich hochverdient, auch wenn man natürlich über die haarsträubenden Fehler in der Defensive reden muss.
Auch Kirschbaum hatte, um es milde auszudrücken, nicht seinen besten Tag. Im Gesamtpaket, von der Ausstrahlung, dem Antizipieren und deinem fußballerischen Können gefällt er mir besser als Sven Ulreich, dessen Zeit als potentieller Stammtorhüter bei uns hoffentlich vorbei ist. Als Lückenbüßer, als Backup, lasse ich mir Ulle ja noch gefallen, sich als unumstrittene Nummer 1 zu etablieren, dafür hatte er jedoch lang genug Zeit gehabt und diese Chance leider nicht genutzt. Allein eine Ikone und bei vielen Fans beliebt zu sein, genügt eben nicht. Auch die Kastanien, die er für uns schon aus dem Feuer holte, zählen heute nichts mehr. Es zählt das hier und heute und da muss man ganz klar sagen, dass Ulle schlechter und ein Nervenbündel geworden ist. Lieber habe ich einen Typen, wie es Jens Lehmann einer war, im Kasten, der zwar nicht Everybody‘s Darling war, bei dem man sich aber nie sorgen musste, zumindest in sportlicher Hinsicht nicht.
Es war klar, als Veh kam, dass er unbequeme Entscheidungen treffen muss, möchte er den Bock umstoßen. Nur durch Handauflegen kann keine Besserung eintreten, es müssen schließlich vier schlechte Jahre aufgearbeitet werden, wobei man automatisch zu den Protagonisten kommt, die nahezu die ganzen vier Jahre mitgemacht haben.
Veh macht das meiner Meinung nach gut und sollte weiter das Vertrauen des Vereins und von den Fans genießen. Wenn ich teilweise schon wieder lese, Veh hätte Ulle herausgenommen, weil er nicht mit ihm kann, platzt mir die Hutschnur. Hinterhergeschoben wird dann noch ein „hoffentlich ist Veh bald weg, damit Ulle wieder im Tor steht“. Eine solch negative Stimmungsmache schadet nur und ist nicht zielorientiert und zudem realitätsfern. Wir wollen doch alle nur das Eine, dass es dem Patienten VfB wieder besser geht. Veh hat Ulle nicht zur Nummer 2 degradiert, weil er ihn nicht leiden kann, sondern, weil er für sein Spiel einen schneller denkenden und fußballerisch besseren Torhüter benötigt.
Ob Kirschbaum auf Dauer das Zeug zur Nummer 1 hat, wird sich erweisen. Wenn nicht, muss eben der nächste ran, Vlachodimos oder ein ganz neuer Mann. Ulles Artenschutz durch den Filz Bobic/ Schwab gehört der Vergangenheit an. Veh hat erkannt, dass sich Ulle nicht weiterentwickelt hat und kaum noch Steigerungspotential besitzt, daher kann ich es mir nicht vorstellen, dass Veh zurückrudert, nur weil Kirsche womöglich auch nicht besser ist.
Am Samstag hatte ich den Eindruck, dass auch Kirsche nervlich nicht der gefestigtste ist, so dass zu befürchten ist, dass wir in ein Torwartproblem hinein schlittern, wenn er seine Nerven nicht in den Griff bekommt.
Spätestens dann aber gehört die Arbeit von Andreas Menger hinterfragt, der uns im Sommer, schon damals auf die Unsicherheit Ulreichs angesprochen, sagte, zum Zeitpunkt des Weggangs von Leno wäre Ulle der bessere Torhüter gewesen. Ich hoffe, Kirsche gewinnt uns am Samstag gegen Wolfsburg das Spiel, damit diese Diskussion beendet ist, bevor sie richtig begonnen hat.
Insgesamt machen mir die letzten beiden Auftritte mehr Mut als dass sie mir Angst einflößen würden. Der VfB hat gezeigt, dass er in der Lage ist, Tore zu schießen, an der Defensivarbeit muss eben weiter mit Hochdruck gefeilt werden.
Gut, dass der VfB offensichtlich an Carlos Zambrano dran ist, ein gestandener Verteidiger mit guter Technik, der dazwischenhaut und sich nichts gefallen lässt.
Mir würde er gefallen, ob mit oder ohne Antonio Rüdiger würde man sehen. Sollte wirklich halb Europa an ihm interessiert sein und der Preis stimmen, muss ein Verein wie der VfB verkaufen, alles andere wäre fahrlässig und den Mitgliedern nicht vermittelbar, wenn auf der Mitgliederversammlung das nächste Millionendefizit publiziert wird.
Gegen Wolfsburg dürfte Armin Veh wieder auf eine stabilere Grundordnung zurückgreifen. Leitner wird wohl wieder einsatzfähig sein, Gruezo ist auch immer eine Option. Spätestens seit Samstag aber versuche ich mir Prognosen, was die Startaufstellung angeht, zu verkneifen. Veh tüftelt sicherlich schon jetzt daran und wird Fans und Gegner wieder mit der einen oder anderen Personalie überraschen.
Langsam aber sicher trägt die Arbeit von Veh Früchte, unser Spiel wird variabler und ist auch schon wieder besser anzuschauen. Zudem scheinen Trainer und Team mehr und mehr zueinander zu finden. Durch die eine oder andere Personalentscheidung hat sich Veh bestimmt nicht nur Freunde gemacht, aber es hat ihm Respekt eingebracht.
Wenn dieser Trainer dann bei einem Halbzeitstand von 0:3 gegen den Championsleague-Teilnehmer Leverkusen die richtigen Worte findet, den am Boden liegenden Jungs Mut macht, dass hier noch etwas geht und das dann tatsächlich auch klappt, ist im Zusammenwachsen von Trainer und Team schon immens viel gewonnen. Die Mannschaft merkt, dass der Trainer einen Plan hat, die Richtung vorgibt und die Mannschaft nicht im Regen stehen lässt sondern an sie glaubt. Wenn sich dann auch Erfolgserlebnisse einstellen, wird ihm die Mannschaft bedingungslos folgen, solang er authentisch bleibt, nicht gekünstelt rüberkommt oder sich verbiegen lässt. Noch ist er relativ kurz wieder hier, zu früh also, um ihn in den Himmel zu loben und die schlechten Jahre für beendet zu erklären, aber, ich sehe uns auf einem guten Weg.
Das alles macht mir Mut, diese Saison, die allein der tabellarischen Konsolidierung gilt, gut und ohne größere Abstiegsangst zu überstehen. Mehr erwarten ohnehin nur Phantasten.
Es ist doch tatsächlich so, dass ich es schon kaum erwarten kann, bis es am Samstag weiter geht, eine Vorfreude, die es bei mir vor Heimspielen schon einige Zeit nicht mehr gegeben hat.
Natürlich bin ich nicht so blauäugig und würde erwarten, dass wir die Wolfsburger an die Wand spielen. Die Wolfsburger sind für mich heißer Championsleague-Aspirant und haben eine qualitativ herausragende Mannschaft. So bin ich mir im Klaren darüber, dass schon alles optimal laufen müsste, wollen wir gegen die Wölfe punkten. Aber, die Tendenz zeigt nach oben, klappt es am Samstag nicht, gewinnen wir eben in Bremen, wo die Trauben nicht ganz so hoch hängen dürften, und das trotz Trainerwechsel und trotz der Tatsache, dass wir in Bremen seit 2006 (unter Armin Veh!) nicht mehr gewannen.
Aber, auch das Spiel gegen die Wölfe muss erst einmal gespielt werden. Lassen sich die Fehler in der Defensive minimieren, ohne, dass die Angriffslust und –klasse vorne leidet, liegt eine Überraschung im Bereich des Möglichen. Ich freue mich drauf und hoffe, dass der Fußball der letzten drei Halbzeiten, viele Leute mobilisiert, ins Stadion zu kommen. Die Aktion, dass Gentner/ Kirschbaum im Milaneo sowie Maxim/ Werner im Fancenter Tickets verkauft haben, fand ich übrigens einen klugen Schachzug. So haben es sich Leute, die sonst womöglich ferngeblieben wären, doch überlegt, ins Stadion zu kommen. Die Mannschaft braucht jede Unterstützung, der Verein das Geld, und nicht zuletzt, auch mir als Fan macht es mehr Spaß, wenn die Hütte voll ist.

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20. Oktober 2014

Wie viel VfB verträgt Man(n)?

Category: Frankys Blogs — Tags: , , , , , , , – Franky @ 18:54

Fußball ist Leidenschaft, Fußball ist Emotion. Deswegen pilgern Woche für Woche Hunderttausende in die Stadien der Republik, und das trotz der Überlegenheit der Bayern und der vermeintlich fehlenden Spannung in der Meisterschaft. Warum? In erster Linie wohl, weil Fußball nicht immer berechenbar ist, man die Ergebnisse nicht auf dem Reißbrett vorhersagen kann. Mit ein Grund, dass die Wettanbieter Hochkonjunktur haben und der Fußball trotz gestiegener Preise, trotz dem Verkommen zur Eventveranstaltung, trotz Übersättigung durch Fernsehübertragungen nach wie vor Millionen in den Bann zieht.
Fußball ist aber auch Krampf, harte Arbeit, humorloses Ballgeschiebe, ein dahinsiechen, wie wir es beim VfB seit einigen Jahren, einige wenige Ausnahmen ausgenommen, erleben (müssen). Gerade Heimspiele sind in letzter Zeit wenig vergnügungssteuerpflichtig, sind träge, der Funke springt aufgrund fehlender Leidenschaft und Begeisterung auf dem Platz selten auf die Ränge über. Die Ultras in der Cannstatter Kurve sorgen zwar immer für ein Fahnenmeer und supporten durchgängig durch rhythmisches Klatschen und ihre Gesänge, ziehen aber doch weitestgehend ihr Ding durch, ganz unabhängig vom Spiel und vom Spielverlauf. Lediglich wenn mal wieder das leidliche „Auf geht’s Stuttgart kämpfen“ oder „wir wolln Euch kämpfen sehen“ aus tausenden Kehlen intoniert wird, weiß auch der, der nicht so bei der Sache ist, dass die Kacke mal wieder gehörig am dampfen ist. Ansonsten nehme ich das Gros der Auftritte meines VfB in den letzten Jahren, auf und außerhalb des Platzes, als relativ emotionslose Veranstaltung wahr. Zu uns auf der Haupttribüne Seite, Richtung Untertürkheimer Kurve“, schwappt selten Stimmung herüber, der Gästeblock, selbst wenn lediglich 1.800 Leverkusener da sind, ist da meist lauter. Daher sehe ich Spiele im Neckarstadion, unserem „Wohnzimmer“, schon seit geraumer Zeit eher als Pflichtveranstaltungen an, und freue mich mehr auf die Auswärtsspiele. Dort sind dann die wirklich Supportwilligen, dort bebt der Block von Anfang bis Ende, dort repräsentiert man die Stadt und den VfB und möchte ein gutes Bild abgeben. Und das optisch, akustisch, von der Anzahl der Mitfahrer und bestenfalls auch durch das eigene Verhalten und dem Respekt gegenüber dem Heim-Verein, den Heim-Fans.
Weshalb ich so aushole, um zum eigentlichen Thema dieses Berichts zu gelangen? Weil wir gerade am Samstag wieder alle Facetten dieser so herrlichen Sportart zunächst über uns ergehen lassen mussten und später genießen durften. Ein Wechselbad der Gefühle, zwischen totalem Frust und totaler Lethargie bis hin zur Schnappatmung in den letzten Minuten war alles geboten, was der Mensch an Gefühlsregungen empfinden kann. Vom ersten Frustbier nach noch nicht einmal einer Viertelstunde bis hin zu Standing Ovations in gerade einmal 75 (Spiel-) Minuten. Die Dramaturgie dieses Spiels war kaum zu überbieten. Doch, der Reihe nach.
Der letzte Sieg gegen Leverkusen liegt 4 ½ Jahre zurück, zudem haben sie einen Stefan Kießling in ihren Reihen, der in schöner Regelmäßigkeit gegen den VfB trifft. So hatte ich schon vor dem Spiel die Vorahnung, dass es bitter werden könnte, wenn man den Gegner spielen lässt.
Leverkusen, mit dem Championsleague-Spiel gegen St. Petersburg vor der Brust und zuletzt nur einem Heim-Remis gegen Paderborn im Gepäck, stand also auch unter Druck, ist ihr Anspruch doch (mindestens) wieder ein Championsleague-Startplatz. In meinen Posts auf Facebook vor dem Spiel machte ich noch auf die Qualitäten der Leverkusener aufmerksam, dass sie die Frühstarter der Liga sind und man tunlichst von Beginn an „höckschte Konzentration“ an den Tag legen muss, um nicht ein böses Erwachen zu erleben.
Den VfB sah ich zwar in Berlin nicht so schlecht wie viele andere, erkenne langsam aber sicher auch mehr Struktur im Spiel und sehe vor allem eine Weiterentwicklung. Dennoch bin ich auch Realist und attestiere dem einen oder anderen Mann in unserem Kader kein Bundesligaformat. Ein bundesligatauglicher Spieler muss auch so etwas wie Konstanz an den Tag legen, Fehler minimieren und vor allem die gleichen nicht immer wieder machen. Ein Spieler, der sich im Stahlbad Bundesliga durchsetzen möchte, sollte sich auf sein Spiel konzentrieren und Reaktionen von außen ein Stück weit ausblenden können. Klar, kommen jetzt wieder diejenigen, die meinen „Fußballer sind auch bloß Menschen“, worauf zunächst nicht zu widersprechen ist. Aber, auch der Beruf des Profifußballers bringt einige Anforderungen mit sich, eine davon ist die Belastbarkeits- und Konzentrationsfähigkeit in Stresssituation, wer dem nicht gewachsen ist, sollte einen Mentaltrainier in Anspruch nehmen. Wer darüber jammert, das Stuttgarter Publikum wäre schwierig oder gar Schuld an der einen oder anderen Niederlage, auch demjenigen würde ich raten, sich an die eigene Nase zu fassen und sich auf das Geschehen auf dem Platz zu konzentrieren anstatt sich mit Nebengeräuschen, im wahrsten Sinne des Wortes, zu beschäftigen.
Veh erklärte bereits auf der Pressekonferenz vor dem Spiel, man wolle defensiver antreten als zuletzt und dadurch versuchen, Leverkusen das Durchkommen schwerer zu machen. Anders als zuvor Köln, Hoffenheim und Hannover, die weitestgehend hinten drin standen und einzig auf Fehler vom VfB lauerten, war es von den spielstarken Leverkusenern zu erwarten, dass sie selbst die Initiative ergreifen wollen. So fand sich also eine neu formierte Viererkette wieder, mit Schwaab als rechtem Verteidiger, dem Innenverteidiger-Duo Niedermeier/ Rüdiger und Klein auf der für ihn ungewohnten linken Seite. Für den Schorsch, als Typen und wie ich ihn auch bei diversen Trainingslagern oder auch zuletzt dem Kabinenfest erlebt habe, der so etwas wie mein Lieblingsspieler in der derzeitigen Truppe ist, freute ich mich, dass er sein erstes Spiel von Beginn an machen durfte.
In meinen Tippspielen hatte ich optimistisch 2:2 getippt und hätte diesen Punkt mit Kusshand angenommen. Man weiß es ja nie, wie sich die Mannschaften nach einer Bundesligapause präsentieren, ob sich ein Trend von davor fortsetzt oder abgeschnitten wurde, ob die Spieler sofort wieder auf Vereinsmodus umschalten können oder mit den Gedanken noch in ihren Heimatländern sind.
Wie bereits erwähnt, hält sich meine Emotionalität vor Heimspielen in engen Grenzen, so hatte ich mein eigentliches Highlight des Tages, das Vorglühen und Fachsimpeln mit Freunden und Bekannten im Biergarten des Stuttgarter Sportclubs (SSC), schon hinter mir, als ich gegen 15.15 Uhr, früh für meine Verhältnisse, meinen Platz im Block 3B einnahm. Nach dem Verkünden der Mannschaftsaufstellung von Bayer Leverkusen und der Präsentation unserer Formation durch unseren Stadionsprecher Holger Laser folgten ein paar Songs, die das Zeug zur Hymne hätten, wie „Troy“ und „Für immer VfB“. Dennoch sind wir zu meinem Bedauern einer der ganz wenigen Vereine in den ersten 3 Ligen, die keine eigene Hymne haben, wo keine Schalparade vor dem Spiel stattfindet, nichts, das einen so richtig auf die anstehende Partie einstimmen würde. Ob dies damit zusammenhängt, dass die Ultras dem Verein im Zuge des Stadionumbaus unter anderem abrangen, die letzten fünf Minuten vor Einlauf der Mannschaften, sollten ihnen gehören, weiß ich nicht. Mir geht das jedenfalls ab, bekomme ich doch in einigen Stadien richtig Gänsehaut beim Intro und wenn das Vereinslied aus Zehntausenden Kehlen geschmettert wird.
Veh wechselte im Vergleich zum Spiel in Berlin vor der Länderspielpause gleich drei Mal. Statt Sakai, Gruezo (beide wohl wegen der weiten Länderspielreisen erst einmal draußen) und dem angeschlagen von der Nationalmannschaft zurückgekehrten Kostic, begannen Niedermeier, Harnik und Werner. Wie das Spiel dann begann, ist kaum in Worte zu fassen, spottet jeder Beschreibung, war einfach erbärmlich und desolat.
Das Spiel war erst gute drei (!) Minuten alt, als der VfB den ersten Nackenschlag zu verkraften hatte. Brandt auf Kießling, der von Niedermeier im Strafraum um gerempelt wurde und den Ball dennoch zu Son stolpern konnte, dieser wiederum ließ Rüdiger und Kirschbaum wie F-Jugendliche ins Leere laufen und konnte den Ball somit ins verwaiste Tor einschieben. Unerklärlich wie naiv eine an und für sich gestandene Bundesligamannschaft in ein solches Spiel gegangen ist, und das gegen einen Gegner, dessen Qualitäten hinlänglich bekannt sind.
So nahm das Unheil also schon früh seinen Lauf und ich versank mehr und mehr in meinem Sitz. Als gerade einmal fünf Minuten später Thorsten Kirschbaums Befreiungsschlag zu kurz geriet und direkt bei Son landete, dieser den Ball mit der Brust annahm und aus 25 Metern sehenswert über Kirsche hinweg abschloss, schienen beim VfB alle Dämme zu brechen. Kirschbaums erster grober Schnitzer im dritten Spiel seit der Ulle-Ablösung und schon treten Ulles Jünger wieder auf den Plan und fordern einen erneuten Torwartwechsel. Veh hat zum Glück bereits verlauten lassen, wenn er von einer Sache überzeugt sei, ziehe er das durch, so dass ich guter Dinge bin, dass sich Veh davon nicht beeinflussen lässt. Kirschbaum ist der bessere Fußballer, Ulle ist für mich und dem Vernehmen nach auch für Armin Veh kein guter Torwart, wenn man das Gesamtpaket betrachtet. Für mich stellt sich daher nur die Frage, hat Kirschbaum das Zeug dazu auf lange Sicht unsere Nummer 1 zu sein oder müssen wir dem jungen Vlachodimos eine Chance geben oder gar einen Torhüter hinzu kaufen. Ich drücke Kirsche die Daumen, dass er diesem Druck, den er als Nachfolger der Ikone Ulreich zweifellos hat, gewachsen ist und seine Kritiker verstummen lässt.
Diese langjährige Schwachstelle hat Veh behoben, an einigen anderen wird er noch viel zu tun haben. Vogelwild präsentierte sich der VfB in dieser denkwürdigen ersten Halbzeit. Son Latte, Kießling Pfosten, das nach einem katastrophalen „Rück-Kopfball“ vorbei am heraus eilenden Kirschbaum durch Antonio Rüdiger, eine Großchance von Bellarabi und schließlich das 0:3 durch den Länderspieldebütanten Bellarabi, der sich in Slapstickmanier gleich gegen fünf VfBler durchsetzen konnte. Eine einzige Chance hatte der VfB in der ersten Halbzeit, als Gentner Niedermeiers Kopfballvorlage aus zwei Metern zehn Meter über das Gehäuse bugsierte. Es wäre das zwischenzeitliche 1:2 gewesen. So wurde die Mannschaft mit einem gellenden Pfeifkonzert in die Kabinen verabschiedet, das 0:3 war noch schmeichelhaft, es hätte gut und gerne 0:6 stehen können.
Veh korrigierte seine Anfangs-Aufstellung, nahm Rüdiger heraus, stellte Klein und Schwaab auf ihre ursprünglichen Positionen zurück und brachte Hlousek auf links, der zu seinem ersten Bundesligaspiel für den VfB kam. Armin Veh tat mir schon ein wenig Leid, wenn man ihn beobachtete. Er probiert viel und bekommt dann einen solchen Hieb von seinen Jungs serviert, gefühlt Minuten wandte er sich nach dem 0:2 vom Spielgeschehen ab und hämmerte frustriert aufs Dach der Trainerbank.
Ich bin im Übrigen ein großer Befürworter dieser Personalrochaden, mit denen uns Veh Woche für Woche überrascht. In den letzten Jahren vermisste ich diese Art der Abwechslung, war ein Großteil der Stammplätze in Stein gemeißelt, heute, unter Veh, darf sich dagegen keiner zu sicher fühlen.
Da es ein „Weiter so“ in der zweiten Halbzeit nicht unbedingt geben sollte, war es klar, dass Veh zur zweiten Halbzeit Umstellungen vornehmen würde. Dieses Mal traf es zu Recht Jung-Nationalspieler Antonio Rüdiger, tatsächlich den Schlechtesten in einer ganz schlechten Mannschaft. Es ist mir klar, dass ein 21-Jähriger alles erst einmal verkraften muss, was zurzeit auf ihn einprasselt. Angebliches Interesse von Chelsea, zudem Neu-Nationalspieler und zuletzt maßgeblich beteiligt am späten Ausgleichstreffer der Iren unter der Woche. Nicht wenige fragen sich in dem Zusammenhang, wie wenig man mittlerweile mitbringen muss, wie wenig man bisher geleistet haben muss, um Nationalspieler in unserem Land werden zu können. So steht er jetzt unter bundesweiter Beobachtung und bekam nach dem Irland-Spiel einiges auf die Ohren! Veh hat nach dem Spiel zu Recht zu Protokoll gegeben, dass er auch sieben Andere hätte herausnehmen können.
In und nach der Halbzeit wandten die Ultras dem Spielfeld den Rücken zu und stellten den Support berechtigterweise gänzlich ein. Es war eines VfB’s unwürdig, wie sich diese unsere Mannschaft her spielen ließ, wie man den Gegner zum Tore schießen einlud. Die Kabinenansprache soll nicht laut, jedoch sehr sachlich gewesen sein. Ermutigend, aber auch an der Ehre packend, erinnernd, wie unberechenbar der Fußball ist, was alles möglich ist, wenn man nur an sich glaubt.
Und, in der Tat der VfB kam selbstbewusster aus der Kabine. Natürlich mag es eine Rolle gespielt haben, dass die Körpersprache der Leverkusener eine andere war, dass sie wohl annahmen, die Führung locker, leicht und ohne weitere Kraftanstrengung ins Ziel schaukeln zu können. Schließlich steht am Mittwoch das nächste Champions League Spiel gegen Zenit St. Petersburg auf dem Programm, für das man sich ja von nun an schonen könne.
Nach kurzer Findungsphase dauerte es nicht lang, ehe Klein ungehindert in den Strafraum flanken konnte und Timo Werner ebenso frei zum Kopfball kam und den Anschlusstreffer erzielte. Der VfB war jetzt da. Zwar hatte Leverkusen kurz nach dem Anschlusstreffer noch die Konterchance zum 1:4, doch, es war jetzt ein anderes Spiel. Der VfB agierte sicherer und befand sich auf einmal auf Augenhöhe mit den zuvor so in jeder Hinsicht überlegenen Leverkusenern. Maxim kam für Leitner und gerade einmal zwei Minuten nach seiner Einwechslung schlug er eine Freistoßflanke scharf in den Strafraum, Leno faustete im Stile eines Anfängers direkt in die Mitte und vor die Füße von Florian Klein, dieser nahm wuchtig Maß und zimmerte die Kugel ins vom Schützen aus gesehen rechte Toreck. Ein Hammer-Tor, genial und mit der Intensität eines Urschreis.
War ich beim 1:3 kaum aufgesprungen, zu sehr saß noch der Frust der ersten Hälfte, war auch ich plötzlich wieder da. Auf einmal war Tempo, Leidenschaft, Kampfgeist zu sehen, die erste Halbzeit wie weggeblasen! Dann, knapp zehn Minuten später, Duplizität der Ereignisse. Kostic kam für Werner ins Spiel, und wiederrum nur zwei Minuten später, durfte er eine Freistoßflanke von der anderen Seite scharf herein schlagen, die Martin Harnik am langen Pfosten über die Linie bugsieren konnte. 3:3, das Stadion auf einmal ein Tollhaus. Danach drängte der VfB gar sogar noch auf den Sieg, hätte ihn am Ende vielleicht sogar auch verdient gehabt. Kurz vor Schluss vereitelte Kirschbaum durch eine tolle Parade erst das 3:4, kurz darauf hatte Martin Harnik in der Nachspielzeit zwei Mal den Siegtreffer auf dem Fuß und auf dem Kopf, wobei Bernd Leno diese beiden Chancen herausragend vereitelte.
Am Ende stand also ein nicht für möglich gehaltenes 3:3 nach einem Spiel das seinesgleichen sucht. Ähnlich mitreißend war in der jüngeren Vergangenheit das 4:4 in Dortmund, an ein solches Heimspiel-Feuerwerk kann ich mich kaum noch erinnern.
Bei allen Lobeshymnen jetzt über die Moral und die Wiederauferstehung des Brustrings gibt natürlich die erste Halbzeit schwer zu denken. Amateurhaftes Abwehrverhalten, eine Naivität im Spiel und abermals ein Kapitän, der nicht zu sehen war, so ging dieses Truppe sang- und klanglos unter und zerfiel phasenweise in ihre Einzelteile.
Glück für uns, dass Leverkusen in der zweiten Halbzeit mehr als nur einen Gang zurückschaltete. Es bewahrheitet sich immer wieder, dass man nicht nachlassen darf und es sehr schwierig ist, den Schalter abermals umzulegen, wenn man wieder einen Zahn zulegen sollte. Leverkusen schaffte es nicht und ließ sich auf einmal in ihre eigene Hälfte zurück drängen.
Wohl dem, der, wie der VfB im zweiten Spielabschnitt, von der Bank mit Leuten wie Maxim und Kostic nachlegen kann. Das könnte im Verlauf der Saison noch ein Joker werden im Vergleich zu den anderen Abstiegskandidaten. Der Kader ist in der Breite nämlich gar nicht so schlecht aufgestellt im Vergleich zur direkten Konkurrenz im Tabellenkeller.
Mit Daniel Ginczek wächst zudem noch eine treffsichere Alternative heran. Beim 5:1-Sieg unserer Amateure gegen den Stadtrivalen Stuttgarter Kickers traf er erneut, so dass man sich auf ihn freuen darf, wenn er denn bald reif für die erste Mannschaft ist, zumal die Torflaute von Vedad Ibisevic mittlerweile groteske Züge annimmt. Der Bosnier ist nunmehr bereits seit mehr als 1.000 Spielminuten torlos, während Werner seine ebenfalls lang andauernde Durststrecke mit dem so wichtigen Anschlusstreffer beenden konnte.
Diese Aufholjagd, die wohl tatsächlich nur gelungen ist, weil das Team in der zweiten Halbzeit zusammengestanden ist, sollte mehr Mut machen als dass die erste Halbzeit Sorgen bereitet. Würde das Gesicht der ersten Hälfte unser Leistungsvermögen widerspiegeln, die Mannschaft zu mehr nicht imstande sein, könnten wir den Laden dicht machen und den Verein vom Spielbetrieb abmelden. Konkurrenzlos schlecht ist eher noch untertrieben.
Die zweite Hälfte dagegen offenbarte, dass durchaus Esprit in der Truppe steckt und was möglich ist, wenn sie ungehemmt nach vorne spielen kann. Eine solche Aufholjagd hat auch das Zeug zur Initialzündung in puncto Mannschaftsfindung. Das A&O, Armin Veh betont es seit er wieder hier ist, dass eine Mannschaft auf dem Platz steht, Spieler, die sich verstehen, die füreinander da sind und dadurch entstehende Probleme auch gemeinsam zu lösen versuchen. Eine solche Leistung wie in der zweiten Mannschaft könnte zusammen schweißen.
Da waren lange vermisste Anflüge von Kreativität, von Spielkultur, ja, sogar von Spielfreude zu sehen. Diese Positiva muss man aus diesem Spiel mitnehmen und weiter daran arbeiten, die Defensive zu stabilisieren. Vielleicht ist ja die Viererkette der zweiten Halbzeit ein Ansatz und ausbaufähig. Rüdiger scheint mir der Drucksituation derzeit nicht gewachsen zu sein, will zu viel und verhaspelt sich. Hlousek auf links finde ich aufgrund seiner Schnelligkeit eine Option. Natürlich hatte er einige leichte Ballverluste zu verzeichnen und stand so dem Platzhalter Sakai in nichts nach. Im Gegensatz zum Japaner aber, der schon lange im Formtief steckt, sehe ich bei Hlousek noch Luft nach oben, zudem ist er ein Linksfuß und kann durch seine schnellen Vorstöße zu einer Waffe werden.
Wie erwähnt, sehe ich es als positiv an, dass Veh viel ausprobiert, der VfB dadurch schwerer auszurechnen ist, sowohl der Gegner, als auch der Fan, weiß selten im Voraus, was er zu erwarten hat. Und das meine ich positiv, hat man doch in den letzten Jahren oft genug schon beim Blick auf die Mannschaftsaufstellung gewusst, was man zu erwarten hat, nämlich meist ein langweiliges und emotionsloses Ballgeschiebe und einen ereignisarmen Spielverlauf. Der neuen Konkurrenzsituation muss sich jetzt jeder stellen und jeder hat die Chance zu spielen oder in der Mannschaft zu bleiben, wenn der Trainer zufrieden war.
Das Spiel gegen Bayer Leverkusen war eine Achterbahn der Gefühle. Die Erwartungen waren sowieso klein gehalten, wurden dann aber nach nicht einmal zehn gespielten Minuten im Negativen übererfüllt. Man ist ja einiges an schlechten Darbietungen „gewöhnt“ und man sollte mit Superlativen vorsichtig sein, aber, zur Halbzeit war ich mir sicher, noch nie einen solch schlechten VfB gesehen zu haben. Wirklich noch nie! Ich kann mich an ein 0:4 gegen Bochum in grauer Vorzeit erinnern, auch ein 0:5 gegen Dortmund, bei dem ich die zweite Halbzeit in unserer altehrwürdigen Stadiongaststätte verfolgte. Zu jenen Zeiten hatte man aber wenigstens den Eindruck, es handele sich um einen gebrauchten Tag, an dem eben nichts geht und dass einige auf dem Platz standen, denen die Demütigung genau so an die Nieren ging wie einem selbst. Am Samstag aber war ich mit dem Latein am Ende, Endzeitstimmung schon in der Halbzeit, aber, ich bin natürlich geblieben, im Gegensatz zu Dutzenden um uns herum.
Wäre das Spiel so weiter gelaufen, hätte ich mir wenigstens um meine Gesundheit keine Gedanken machen brauchen. Emotionslos, fast gleichgültig und lediglich erschrocken über diese Nicht-Leistung kauerte ich in meinem Sitz.
Nach der Pause, auf den Spielverlauf bin ich ja bereits eingegangen, sah ich das 1:3, das wie aus dem Nichts fiel, noch relativ gefasst und maß ihm keinerlei Bedeutung zu, Ergebniskosmetik, mehr nicht.
Als Veh dann aber offensiv wechselte, man, im Gegensatz zur ersten Halbzeit, auch Zweikämpfe für sich entschied, auf einmal Willen und schnell vorgetragene Angriffe zu sehen waren, Freistöße herausholte, ab dieser Zeit war dann auch ich wieder richtig bei der Sache.
Als das 2:3 durch diesen satten Schuss von Florian Klein fiel, stieg der Puls und das Adrenalin schoss durch den Körper. Dann macht Harnik auch noch das 3:3 und der Kessel bebte auf einmal wie schon lange nicht mehr. Selbst in unseren Regionen erhoben sich die Dagebliebenen von den Sitzen und peitschten das Team weiter nach vorne, plötzlich saß keiner mehr.
Für Martin Harnik freute ich mich, dass er endlich wieder getroffen hat. Er hatte eine längere Schwächephase zu durchstehen und saß zuletzt nur auf der Bank. Ich mag ihn, weil er einer ist, dem ich es abnehme, dass er alles in die Waagschale wirft und sich stets den Allerwertesten aufreißt. Zudem ist er kein Spinner und mit beiden Beinen auf dem Boden, ein Profi, wie man ihn sich wünscht. Vielleicht gibt ihm das Tor Auftrieb, bringt er wieder mehr Sicherheit in sein Spiel. Vor seiner Herausnahme aus der Mannschaft wirkte er oft überhastet und verlor Bälle oder sie versprangen ihm, was man in dieser Häufigkeit eigentlich von ihm nicht gewohnt war. Dass ihn Veh für einige Zeit herausnahm war für mich absolut richtig und nachvollziehbar, vielleicht hat er sich ja jetzt wieder durch sein Tor und auch durch seine Präsenz wieder in die erste Elf gespielt. Dass er das Siegtor nicht gemacht hat, verzeihe ich ihm gerne. Mit diesem Punkt bin ich rundum zufrieden, wer hätte das gedacht!
Die nächste schwere Heimaufgabe wartet an Allerheiligen auf uns, wenn es gegen den VfL Wolfsburg geht. Erneut eine Betriebssportmannschaft, bei der Geld eher eine untergeordnete Rolle spielt, man hat es eben. Trotzdem, seit Allofs und Hecking das Sagen dort haben, wird das vorhandene Geld vernünftig eingesetzt und auch (endlich) Kapital aus der guten Jugendarbeit geschlagen. Ich schätze die Wölfe sehr stark ein und befürchte, dass für uns die Trauben hoch hängen dürften.
Umso wichtiger sind die kommenden Auswärtsaufgaben gegen Gegner, die sich mit uns auf Augenhöhe oder sogar darunter befinden. In Frankfurt bzw. in Bremen sollten einer oder am besten gleich zwei Auswärtssiege her, um endlich mal wieder in ruhigeres Fahrwasser zu steuern.
Veh auf der Kommandobrücke benötigt nach wie vor Zeit, der Mannschaft ein neues Lifting zu verpassen und fordert dafür zu Recht Geduld ein. Diese übt man am besten, wenn die Ergebnisse stimmen es gelingt, ein Polster zwischen sich und die Abstiegsplätze zu legen.
Unsere jungen Spieler wie Antonio Rüdiger und Timo Werner, auf die bereits jetzt einiges hereinbricht, dürften es erheblich einfacher haben, sich weiter zu entwickeln, wenn der Druck nicht ganz so groß ist. Bei Rüdiger fällt seine Nervosität natürlich mehr auf als bei Timo Werner. Rüdigers Fehler haben meist brenzlige Situationen bzw. Gegentore zur Folge, während sich Timo Werners Nervenschwäche „nur“ bemerkbar macht, wenn ihm am gegnerischen Strafraum ein Ball verspringt oder er im eins gegen eins nicht so abgezockt agiert, wie man es schon von ihm gesehen hat.
Daher wäre ein Dreier am kommenden Wochenende in Frankfurt Balsam auf die Seelen Aller, denen der VfB am Herzen liegt und immens wichtig. Frankfurt war in letzter Zeit oft ein gutes Pflaster für uns, außer in der letzten Saison, als man den Sieg kurz vor Schluss noch verspielte und Alexandru Maxim die 1.000%ige Chance zum 0:2 vergab.
Damals noch hieß der Eintracht-Trainer Armin Veh. Dieser hat jetzt zum Glück das Zepter beim VfB in der Hand und kennt den Gegner natürlich in- und auswendig. Wie ich ihn kenne, wird er bereits jetzt voller Vorfreude sein. Auf dem Kabinenfest fragte ich ihn, wie er die Fanunterstützung dort empfand, vor allem auf den Europacup-Reisen. Da begannen seine Augen zu funkeln und mehr als ein „einfach geil“ kam ihm nicht über die Lippen.
Neuer Trainer der Eintracht wurde bekanntlich Thomas Schaaf, den man bislang ja nur mit Werder Bremen in Verbindung brachte. Bislang lässt sich seine Mission dort gut an, mit einem Sieg gestern in Paderborn hätte die Eintracht auf Rang 3 vorstürmen können, so sind sie als Achter im gesicherten Mittelfeld. Einfach dürfte es also auf keinen Fall werden, aber, Samstag 15.30 Uhr, 5.000 Schwaben im Rücken, da muss einfach was gehen für unser Team. In Berlin durfte das Team ja bereits am ersten Auswärtssieg schnuppern, die 0:1-Führung wurde von der Hertha lediglich durch einen höchst fragwürdigen Elfmeter ausgeglichen. Bis dahin und auch wieder danach war man eigentlich auf einem guten Weg. Daher bin ich für Frankfurt guter Dinge und freue mich sehr drauf.
Es darf im Waldstadion ruhig ein bisschen weniger dramatisch zugehen als am Samstag, Hauptsache Sieg, wenn solche Spektakel aber zur Regel werden sollten, werden wir bald „zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie ihren Arzt oder Apotheker“ auf den Eintrittskarten zu lesen bekommen!

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13. Oktober 2014

Hertha-VfB/ St. Pauli-Union – ein WE im Zeichen des Fußballs!

Gut eineinhalb Wochen ist die unnötige Niederlage von Berlin schon wieder her. Wegen des anstrengenden Wochenendes und einer noch stressigeren Woche kam ich leider nicht früher dazu, meine Eindrücke und Erlebnisse zu schildern.
Wir machten uns am frühen Morgen des Tags der Deutschen Einheit auf den Weg nach Berlin, jedoch nicht, um den Feierlichkeiten zu selbigem in der Hauptstadt beizuwohnen, sondern, um den VfB zu unterstützen, der, wie schon fast traditionell, das Freitagabend-Spiel im 625 Kilometer entfernt liegenden Berliner Olympiastadion zu bestreiten hatte. Die Fahrt dorthin verlief feuchtfröhlich, ohne besondere Zwischenfälle und ohne Verspätung, so dass wir wie geplant gegen 14.45 Uhr unser Domizil am Berliner Kaiserdamm, nur drei U-Bahn-Stationen vom Olympiastadion entfernt gelegen, erreichten und uns kurz darauf in einer Pizzeria mit Freunden treffen konnten. Ein paar Bier und ein paar leckere Bruschetta später begaben wir uns in Richtung Stadion.
Eigentlich wollten wir noch im Biergarten direkt vor dem Stadion Freunde treffen, da wir aber auf der falschen Seite ankamen und es auch im Stadioninnern Vollbier gibt, gingen wir sofort hinein ins altehrwürdige und denkmalgeschützte Stadion.
Erst später fiel mir ein, dass ich eigentlich noch Karten zum verkaufen gehabt hätte, da ich kurz vor Abreise noch zwei Eintrittskarten auf der Gegengeraden gewonnen hatte. Wenn schon, denn schon, dachte ich mir und nahm diesen Platz dann selbstverständlich auch ein, versprach er doch eine bessere Perspektive zum fotografieren. Schade eben, dass ich dadurch einige Leute, die man sonst immer trifft im Gästeblock, dieses Mal nicht sehen konnte. Aber, einen Tod muss man eben sterben. Der Platz war jedenfalls super, unsere Reihe fast leer, von den insgesamt in Stuttgart verlosten 20 Karten waren offensichtlich nur vier in Anspruch genommen worden.
Noch heute kann man den verlorenen Punkten hinterher trauern, denn, viel einfacher als bei der alten Dame dürfte es in den nächsten Wochen nicht werden, das Punktekonto aufzubessern. Man hatte die Berliner gut im Griff, die Führung lediglich durch einen höchstfragwürdigen Elfmeter aus der Hand gegeben, als Antonio Rüdiger anfangs der zweiten Halbzeit die Geduld verlor und mit dem Kopf durch die Wand einen Angriff starten wollte. Das Ende ist bekannt, Ballverlust, schulmäßiger Hertha-Konter und das (vor-) entscheidende 2:1 für die Hertha, die wohl selbst nicht wusste, wie ihr geschah. Bis dahin hatte der VfB das Spiel gut und die Hertha wartete „nur“ darauf, bis der allgegenwärtige Fehlerteufel seinen Auftritt hatte.
Bezeichnend diese Aktion für Toni Rüdiger. Zuletzt hatte ich ihn ja gelobt, dass er, seit er sich zum Stamm des Kaders der Nationalmannschaft zählen darf, eine stärkere Präsenz zeigt, gewillt ist Verantwortung zu übernehmen und vor allem eine Körpersprache an den Tag legt, die man sich vom Rest der Truppe wünschen würde. Dass er mit 21 Jahren (noch) überfordert ist, die Führungsrolle in der Mannschaft zu übernehmen, liegt auf der Hand. Er sollte zunächst sein eigenes Spiel verbessern und daran arbeiten seine Fehlerquote zu minimieren, hat er doch auch schon gegen Köln das vorentscheidende Tor maßgeblich mit verursacht. Dennoch liegt es mir fern, Rüdiger zum Sündenbock für die Niederlage in Berlin abzustempeln. Es ist doch traurig genug, dass es sonst keinen gibt in unserer Mannschaft, der Verantwortung übernimmt und voran geht.
Ein Christian Gentner trägt im Aktionsradius eines Bierdeckels die Kapitänsbinde spazieren, während sich Jungspunde im Team aufopfern und es wenigstens versuchen, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. DIE Achse im VfB-Spiel muss sich erst noch finden.
Hier, so finde ich, sind wir auf gar keinem ganz so schlechten Weg. Spielerisch sind Fortschritte erkennbar. Kirschbaum als Ulle-Nachfolger macht seine Sache ordentlich und strahlt eine wohltuende Sicherheit aus.
Rüdiger befindet sich in einer Entwicklung und kann durchaus in absehbarer Zeit Abwehrchef werden, allerdings hielte ich es nach wie vor für notwendig, ihm einen erfahrenen Haudegen an die Seite zu stellen. Rüdiger und Schwaab bildeten bei der fürchterlichen Niederlagenserie unter Thomas Schneider weitestgehend unsere Innenverteidigung, Ergebnis bekannt. Hier hat es der VfB durch seine nicht erfolgte Saisonnachbereitung einfach versäumt, an den Stellschrauben zu drehen, die schon lang als die Achillesferse des VfB bekannt waren. Ich wünsche es mir, dass Rüdiger auf dem Boden bleibt und an seinen Schwächen arbeitet. Es ist sicherlich nicht einfach für den Jungen die Bodenhaftung zu wahren, wenn er, wie heute geschrieben, als einer der heißesten Transferkandidaten gehandelt wird und angeblich selbst der FC Chelsea seine Fühler nach ihm ausgestreckt habe.
Im zentralen Mittelfeld sind Romeu, Gruezo und zuletzt auch Leitner Lichtblicke, während Gentner im modernen Fußball eigentlich ein Auslaufmodell ist. Es nützt nichts, sinnlos Kilometer abzuspulen. Uns nützt auch ein Kapitän nichts, den man im Spiel 90 Minuten so gut wie nicht wahrnimmt. Ich bin mir relativ sicher, dass er die nächste „Ikone“ ist, die dem „neuen“ VfB zum Opfer fallen wird. Auch Vedad Ibisevic, dem ich allerdings in Berlin eine verbesserte Form attestiere und der das 0:1 schön vorbereitet hat, wird sich sehr bald einer neuen Konkurrenzsituation stellen müssen, denn, Daniel Ginczek scharrt schon mit den Hufen.
Armin Veh, das zeigt auch die Absetzung von Sven Ulreich, macht vor Namen, alten Verdiensten oder dem Standing im Verein keinen Halt und ist auf der Suche nach der bestfunktionierenden Mannschaft. Somit haben wir jetzt eine Situation wie schon seit vielen, vielen Jahren nicht mehr, nämlich, dass allein die Leistung zählt. Veh hat es sich in den Kopf gesetzt, den VfB wieder in angenehmere Tabellengefilde zu führen und hier nicht zu scheitern. Für einen Trainer ist es doch ein leichtes irgendwo ein Himmelfahrtskommando zu übernehmen, einiges zu probieren und gegen Windmühlen anzukämpfen, um sich dann mit einer fetten Abfindung oder unter weiterem Kassieren der Bezüge wieder entlassen zu lassen. Das hat Veh ganz sicher nicht vor. Für ihn ist der VfB eine Herzensangelegenheit, also wird er weiter kämpfen und sämtliche Register ziehen. Sollte, wie man munkelt, an der Möglichkeit etwas dran sein, dass Veh vor hat, auf Sicht den Posten des Sportdirektors zu übernehmen und man womöglich Thomas Tuchel als Trainer auf den Wasen locken möchte, auch dann wäre es eminent wichtig, dass Veh sich nicht verbiegen lässt und vor allem nicht an Widerständen aus dem Verein und dem Umfeld scheitert und damit verbrannt wäre. Ich drücke ihm fest die Daumen, dass das Umfeld geduldig bleibt und dass wir mit ihm die Kurve bekommen. Natürlich probiert er einiges, natürlich macht er dabei auch Fehler, dennoch sehe ich Bewegung wie lange nicht in der ersten Elf und bin daher weiter guter Dinge, dass wir schon bald die Früchte dieses Umbruchs ernten können.
In Sachen Bobic-Nachfolge ist fürs Erste Ruhe eingekehrt. Wie man vernimmt, gibt Jochen Schneider den Manager auf Probe, mindestens bis zur Winterpause. Damit kann ich persönlich gut leben, wenn Veh als eine Art Teammanager fungiert und Schneider lediglich in Sachen PR mehr in den Vordergrund tritt. Wie schon öfter von mir thematisiert, ist einfach der Zeitpunkt für die Managersuche beschissen, so dass eine wirklich große Lösung erst nach Ende der Saison möglich sein dürfte. Gute Leute wachsen nicht auf den Bäumen, gescheiterte Manager (z. B. Kreuzer) oder erneut ein Anfänger (Lehmann, Kahn, Effenberg, etc.…) würden meine Kopfschmerzen, die mir mein Verein sowieso schon bereitet, eher noch verstärken. Der einzige der Namen, die bisher so durch die Presse geisterten, der einen gewissen Charme versprüht, wäre Jan Schindelmeiser. Ich gebe es zu, dass ich zunächst erschrocken bin, als ich seinen Namen las, den ich in erster Linie mit dem Nachbarn von der Autobahnraststätte in Verbindung bringe. Bei näherem Hinschauen und einem genaueren Blick auf seine Vita aber, brächte er eine große Eignung für diesen vakanten Posten mit. Und, es wäre ein Mann mit Erfahrung im Fußball-Business und ohne Stallgeruch. Ob sich unsere Granden eine solche Lösung ernsthaft vorstellen können, bezweifle ich allerdings. Es ist ja sooo wichtig, dass man den Verein und die ach so eigenen Abläufe darin kennt, ein Außenstehender würde da gar nicht durchblicken. So lang sich Vorstand und Aufsichtsrat nicht neuen Wegen öffnen, wird sich grundlegend in näherer Zukunft nichts ändern.
In der Bundesligapause fand auf dem Trainingsgelände des VfB ein Trainingsspiel gegen den Landesligisten Germania Bargau statt. Dieses Spiel wurde auf der VfB-Seite nicht beworben, allerdings konnte man auf der Seite von Bargau, regionalen Sportseiten und auch Tageszeitungen wie dem Schwarzwälder Boten Kenntnis davon erlangen. Als Austragungsort war das Robert-Schlienz-Stadion angegeben, zur besten Frühschoppenzeit, Samstagmorgen 11 Uhr. Trotz Wasen-Besuchs am Vortag standen wir rechtzeitig auf, um uns diesen Kick nicht entgehen zu lassen, was einigermaßen schwer fiel. Da die Bundesligapause meist langweilig ist, einfach etwas fehlt, und wenn man die Gelegenheit hat, die Daheimgebliebenen am Ball zu sehen, ist es fast klar, dass man diese nicht auslässt. Das böse Erwachen folgte auf dem Fuß. Angekommen auf dem Trainingsgelände war das Robert-Schlienz-Stadion verwaist, also pilgerten wir weiter in Richtung Trainingsplatz, wo wir von der Straße aus Action vernommen hatten. Dort standen wir vor verschlossenen Türen, ein Ordner wies uns ab, weil ich eine VfB-Jacke an hatte. Bargauer dagegen wurden rein gelassen.
Da verstand ich mal kurz die Welt nicht mehr. Als Allesfahrer darf man einem solchen Kirmeskick nicht beiwohnen, Gäste dagegen schon? Wo ist da die Logik? Laut Ordner „wollte der Trainer ein Spiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit“.
Mir erschließt sich der Sinn dieser Aussperrung überhaupt nicht, da es sich wohl kaum um einen ernsthaften Test handeln konnte, wenn mehr als zehn Nationalspieler fehlen. Es dürfte ja wohl nicht möglich gewesen sein, etwas einzuspielen, das Leverkusen im nächsten Spiel das Fürchten lehren soll. Ich war wirklich perplex und verzichtete spontan auf den Fanshop-Besuch, weil ich in diesem Moment vom VfB nichts mehr sehen und hören mochte. Das Spiel endete 7:1 und hatte eine gute und eine bittere Nachricht im Köcher. Daniel Ginczek traf vierfach und kommt immer besser in Schuss, während der große Pechvogel Daniel Didavi einen Muskelbündelriss erlitt und erneut vier bis sechs Wochen fehlen wird. Ganz, ganz bitter für ihn und auch für das Team, ist er doch zum Taktgeber unseres Spiels herangereift. Gute Besserung, Dida, kann man da nur sagen.
Schließlich noch ein paar Worte zu unserem Berlin-Trip. Unweit unseres Hotels befindet sich das Cancun, ein mexikanisches Restaurant und Cocktailbar, bei dem wir uns schon vor einem Jahr bestens aufgehoben fühlten und wo es bis weit in die Nacht Essen und Getränke vom feinsten gibt. Da wir Samstags relativ früh raus mussten, wollten wir nicht mehr in die Stadt oder ins vom Berliner Fanclub „CKB08“ betriebenen Rössle nach Neukölln fahren, sondern verweilten in „Bettnähe“ und hofften auf mehr als nur eine Mütze voll Schlaf.
Weit gefehlt, trotz der Niederlage wurde der Abend noch richtig lustig, so dass wir erst gegen halb fünf Uhr im Zimmer waren. Gut zwei Stunden später klingelte der Wecker schon wieder, da uns unsere Tour weiter nach Hamburg führen sollte. Auf dem Programm stand das 2. Liga-Spiel FC St. Pauli-Union Berlin.
Mein zweiter Verein, spätestens seit unseren UEFA-Cup-Spielen gegen Celtic Glasgow, mit denen St. Pauli eine Fanfreundschaft verbindet, sind ja die braunweißen, zumindest wenn sie in einer anderen Liga spielen als wir.
Der gemeinsame Abstiegskampf 2010/2011 war da schon eine harte Probe dieses besonderen Verhältnisses und für das zu meinen Freunden beim magischen FC. Sonst aber finde ich es ziemlich wohltuend, wie anders St. Pauli im Vergleich zu „normalen“ Profivereinen ist.
Wegen der unchristlichen Anstoßzeit um 13 Uhr verließen wir Berlin also gegen 8.30 Uhr und traten die 1 ½-stündige Fahrt im ICE an. Sichtlich übermüdet und dennoch voller Vorfreude waren wir unterwegs. Nach Ankunft in der Hansestadt kurz das Gepäck in unser Bestwestern Hotel gebracht und schon ging es weiter in Richtung Kiez.
Bereits beim Umstieg in die U3 hatten wir den ersten Bekannten getroffen, mit ihm zogen wir weiter in die neu errichteten Fanräume im Bauch der neuen Gegengeraden. Dort bekamen wir gleich mal eine Einführung, wie sich jeder Fanclub dort einbringen durfte und welche Devotionalien der alten Stadiongaststätte dort ihren neuen Platz fanden.
Ganz interessant, zudem war das Astra, das schon wieder extrem gut mundete, für Stadionverhältnisse recht günstig. Kurz noch die hinterlegten Eintrittskarten abgeholt und schon ging es hinein ins Millerntorstadion. Diese Paarung hatte ich schon lang mal auf dem Zettel, pflegen diese beiden Fanszenen nach gegenseitigen Unterstützungsaktionen, als die Clubs finanziell am Tropf hingen, ein recht gutes Verhältnis miteinander. Einer der wenigen Ost-Vereine, die am Millerntor wohl gelitten und gerne gesehen sind. So war außer dem Spiel also auch noch ein gemeinsamer Umtrunk mit den Union-Fans zu erwarten. Wir hatten Sitzplätze auf der Süd, oberhalb des Ultra-Blocks und inmitten der braun-weißen Fangemeinde. Die Stimmung war während des gesamten Spiels bombastisch, der Spielverlauf tat ein Übriges. Nach einer Notbremse, der daraus resultierenden Roten Karte und dem verwandelten Elfmeter Mitte der ersten Halbzeit war das Spiel quasi entschieden. Es dauerte dann zwar noch bis zur 73. Minute, ehe St. Pauli mit dem 2:0 das Spiel endgültig entschied, große Spannung kam dennoch nicht auf, zu überlegen war St. Pauli, zu wenig hatten die Unioner entgegen zu setzen. Beiden Teams stand vor dem Spiel das Wasser bis zum Hals, so dass die Erleichterung über den am Ende deutlichen 3:0-Sieg überall spürbar war.
Die Union-Ultras hängten in der Halbzeit ihre Zaunfahnen ab und stellten den Support ein, offensichtlich jedoch nicht wegen der Leistung der eigenen Mannschaft. Angeblich gab es vor dem Block Tumulte zwischen einigen St. Pauli-Fans und Berliner Stadionverbotlern, woraufhin einige Ultras das Stadion verlassen wollten, von der Polizei jedoch daran gehindert wurden. In Folge dessen soll es zu einem massiven Pfeffersprayeinsatz der Wachtmeister im Gästeblock gekommen sein, was die Ultras dazu bewegte, den Block geschlossen zu verlassen. In der ersten Halbzeit noch machten sie richtig Alarm.
In den St. Pauli-Bereichen dagegen herrschte 90 Minuten lang Dauersupport. Im Gegensatz zum Neckarstadion wird auf allen Tribünen mitgemacht, im Gegensatz zu unseren Ultras werden von den St. Pauli Ultras fast nur Lieder angestimmt, die der eigenen Mannschaft huldigen, sie nach vorne peitschen und manchmal auch voller Selbstironie getragen sind. Sind bei uns gefühlte 80% der Songs, in denen sich die Ultras selbst feiern oder den Gegner verunglimpfen, wird diesem in St. Pauli meistens Respekt entgegengebracht. Natürlich lassen sich diese beiden Vereine und vor allem die Stadien schlecht miteinander vergleichen, dennoch würde ich mir ein wenig Umdenken in der Fanszene wünschen. Ich stelle jedes Mal dort fest, dass schon die Grundstimmung eine bessere ist, was vielleicht auch daran liegen mag, dass nicht jeder das Stadion mit dem Messer zwischen den Zähnen betritt.
Wir haben den Besuch im ausverkauften Millerntor sehr genossen. Abends auf dem Kiez verließen uns dann aber leider irgendwann einmal die Kräfte und die Müdigkeit gewann die Oberhand. War zwar schade, jedoch nicht zu vermeiden. Wäre ich in diesem Jahr nicht schon zwei Mal in Hamburg gewesen, stünde das vierte Mal Hamburg im Dezember nicht schon wieder fast vor der Tür, hätte es mich sicherlich richtig genervt, so war es gerade noch zu verkraften, gegen 22 Uhr in Richtung Hotel aufzubrechen zu müssen.
Schließlich wurde gestern noch die SWR-Dokumentation „Fußballfieber – der VfB Stuttgart und seine Geschichte ausgestrahlt“. Als einer der Gewinner beim SWR-Gewinnspiel durfte ich beim Preview beim SWR am vergangenen Dienstag dabei sein und mir den Streifen schon vorab zu Gemüte führen. Johannes Seemüller moderierte, Talkgäste waren Hansi Müller, Günther Schäfer, Lothar Weise sowie die für die Doku verantwortlich zeichnenden SWR-Sportjournalisten Jens Ottmann und Thomas Wehrle. Da ich an diesem Tag höllische Rückenschmerzen hatte, war lang nicht klar, ob ich mir das tatsächlich antue. Im Nachhinein kann man fast sagen, dass es mir gereicht hätte, die Doku sonntags im Fernsehen anzuschauen. Da ich direkt vom Geschäft dort hin ging, hätte ich mir wenigstens einen kleinen Imbiss und ein Bierchen dazu gewünscht, doch leider, außer einem Sektempfang gab es nichts für Gaumen und Leber. Mir ist zwar klar, dass man das jetzt nicht unbedingt erwarten konnte, aber, darauf hoffen durfte man ja schon, wenn schon so mit Exklusivität geworben wird. Die Doku war absolut sehenswert, vor allem an die Sternstunden, die ich selbst hautnah miterlebt habe, erinnert man sich immer wieder gerne zurück und genießt die Bilder dazu. Ehrensache, dass gestern der HDD-Receiver einprogrammiert wurde und der Streifen aufgehoben wird.

Die Talkrunde war relativ kurz, aber aufschlussreich und amüsant. Bei Hansi Müller, als Aufsichtsrat und Würdenträger, wirkte es für mich aufgesetzt, als er meinte „der VfB ist noch immer ein geiler Club“. Auch befremdlich und realitätsfern fand ich, als er von regelmäßig 50.000 und mehr Zuschauern schwärmte. Gerade als Amtsträger sollte ihm doch bewusst sein, dass der Verein drauf und dran ist sein Klientel vollends zu vergraulen und weniger als 40.000 zahlende Zuschauer keine Seltenheit mehr sind. Lothar Weise, VfB-Spieler von 1958-1963 und Siegtorschütze im Pokalfinale 1958 gegen Fortuna Düsseldorf plauderte von der guten alten Zeit, als VfB noch „Vorbild für Bayern“ bedeutete und die Bayern keine Chance gegen den VfB hatten. Und, dass heutzutage der beste VfB-Spieler keine Chance mehr hätte, bei den Bayern zu spielen.
Wie er bei Heimspielen noch bis zwei Stunden vor Spielbeginn an seiner Tankstelle den Tankwart gab, ehe seine Frau das Kommando zur Abfahrt ins Neckarstadion gab.
Und, schließlich war da noch „Günne“ Günther Schäfer, mein Held der Meistermannschaft 1992, der durch seine unfassbare Rettungsaktion das 2:0 für Leverkusen verhinderte und dadurch den Titel erst möglich machte. Er gefiel mir am besten, beschrieb, wie er bei einem seiner ersten Trainings bei den Profis von Bernd Förster umgesenst wurde, was ihm drei Wochen Verletzungspause einbrachte. Wie er nach dieser Pause sich dann jenen Bernd Förster schnappte und ihn ebenfalls niederstreckte. Wie er am Blick des Gefoulten erschrak und „Wunder was“ dachte, was er wohl gleich mit ihm anstellen würde. Und, wie überrascht er dann gewesen ist, als Förster ihm die Hand reichte und trocken meinte „ich bin der Bernd“. Diese Anekdote sollte verdeutlichen, wie die damaligen Platzhirsche ihr Revier verteidigt haben, aber auch, wie man sich als Jungspund selbst Respekt im Mannschaftskreis erarbeiten konnte. Weiter führte Schäfer aus, wie wichtig ihm als Verantwortlichem der Fußballschule Respekt ist, wie er versucht, den Jungs Werte zu vermitteln und den Wächter gibt, ob die Jungs diese auch annehmen.
Hier schließt sich für mich wieder der Kreis zu unserer aktuellen Spielergeneration, zu unserer Profimannschaft, hat doch Armin Veh in jüngster Vergangenheit gerade bemängelt, die Jungs heutzutage wüssten überhaupt nicht mehr, was Respekt bedeute, würden ihn unberechtigterweise einfordern, diesen anderen jedoch nicht entgegenbringen. Bleibt zu hoffen, dass Günne den Jungs etwas von seinen Werten vermitteln kann. Er war für mich der Inbegriff von Vereinstreue, gepaart mit steter Leistungsbereitschaft und Loyalität. Einen solchen Mann sucht man schon seit längerer Zeit, vermutlich seit Soldo, in unseren Reihen vergeblich!

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